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Projektbeschreibung

Eine Karmastudie gliedert sich in vier einzeln zu gehende Arbeitsschritte:

  • Vorprüfung
  • Gutachten
  • Studie
  • Ergebnis

Von der Vorprüfung und dem Gutachten hängt ab, ob eine Karmastudie mit Aussicht auf ein gutes Ergebnis realisiert werden kann.

Vorprüfung

Die Vorprüfung sollte ergeben, ob die gestellte Frage mit der angebotenen Methode korreliert. Zur Anwendung kommt eine durchchristete Anschauung von Reinkarnation und Karma im heutigen Michaelzeitalter. Das heißt, der Studie liegt ein rosenkreuzerisches Christusbild zugrunde. Kann die Studie aus dieser Perspektive heraus erfolgen, steht der Weg offen für ein Gutachten. Ein erster Schritt dahin sind Untersuchungen zum karmischen „Baugrund“, beispielsweise zur Quellenlage.

Gutachten

Sicherung, Sichtung und Dokumentation des „Baumaterials“ und der historischen Zeugnisse. Ggf. Erwerb von geeigneten Quellen. Arbeitsvorbereitungen, Präzisierung der Fragestellung. Zeitliche Planung, Aufriss des finanziellen Aufwands, Prüfung und Auftragserteilung.

Studie

Untersuchungen zu den beteiligten Individualitäten. Deren Einbettung in die jeweiligen Epochen und ihr Verhältnis zum Mysterium von Golgatha und zum Entwicklungsstrom der Anthroposophie. Wahlverwandtschaften und Erschütterungspunkte. Vertieftes Studium der vorhandenen Quellen, ggf. Recherchen vor Ort, Klärung von Detailfragen, Gespräche, Durchleuchten von Einzelfragen, Zwischenbericht, Ergänzungsrecherchen und Abschlussbericht.

Ergebnis

Niederschrift und Korrektur der Karmastudie, Übergabe an den Auftraggeber.

Haben Sie Fragen? Gerne erhalten Sie Auskunft.

Musiklehrer

Das Konzert der Musiklehrer

Von A wie Akkordeon bis zu Z wie Zupfinstrumente: 20 Musikpädagogen lassen ihr Können ertönen.

Die Musikerinnen und Musiker der JMS Jugendmusikschule Hochschwarzwald bewiesen mit ihrem Lehrerkonzert 2020 im Hinterzartener Kurhaus, dass auch ein anspruchsvolles Publikum von ihrer Kunst verzaubert wird. Die musikpädagogischen Fachgebiete der Interpreten reichen von A wie Akkordeon bis zu Z wie Zupfinstrumente.

Jeder, der als Kind einmal ein Instrument gelernt hat, verbindet damit Erinnerungen an seine Musiklehrerin oder seinen Musiklehrer. Das sind prägende Begegnungen auf dem Boden der Musikerziehung, die nicht vergessen werden. Die einzelnen Lehrerpersönlichkeiten bringen den Schülern nicht nur Musik an einem handwerklich und klanglich wertvollen Instrument bei, sie vermitteln auch den sozialen Umgang miteinander, fördern Charakterstärke und geben ihr Können an die Jüngeren weiter, ohne dass viel darüber gesprochen wird. Die Grundlage des Ganzen ist dabei die Musik, auf der alles steht. Die meisten Musiklehrer der JMS Hochschwarzwald sind studierte Musiker und unterrichten an mehreren Musikschulen der Region, sie engagieren sich vielseitig in Orchestern oder Kammerspielen und tragen so wesentlich zum Kulturleben der Region bei. Das musikalische Zeugnis ihres Könnens, das sie in Hinterzarten abgaben, bereitete dem Publikum viel Vergnügen.

Les jardins du Roy besteht aus Stefanie Geisberger an der Traversflöte, Katja Reiser an der Blockflöte und aus dem Oboisten Gianluca Rotta, drei bewährte und erfahrene Instrumentalisten, die seit Jahren erfolgreich Schüler unterrichten. Die Vierte im Bunde und neu im Team der JMS-Pädagogen ist die ebenfalls studierte Barockmusikerin Hélène Nassif an der Harfe. Ein Glanzlicht des Barock-Ensembles war die Oboe, wenn sie schön zwischen stoßender und fließender Melodie differenzierte, überzeugen konnte aber auch der klare Ton der Traversflöte, der sich dem Ton der anderen hervorragend zum Dialog anbot. Die fein ausgearbeitete Qualität dieses Quartetts hatte es in dem nüchtern klingenden Saal an diesem Abend freilich nicht so leicht, umspielte aber dennoch gekonnt das aufmerksame Ohr. Die erst jüngst gegründete, noch ganz frische Formation macht Hoffnung auf weitere schöne Konzerte mit höfischer Musik des 17. und 18. Jahrhunderts.

Erst kürzlich formierte sich auch das hochkarätig besetzte Akkordeon-Trio Drück mich mit dem bekannten Ausbilder, Dirigenten und musikalischen Leiter Waldemar Lang, der technisch versierten Barbara Helmle-Hofmeier und dem ebenso famos spielenden Ljubiša Lakovic aus Bad Dürrheim, der erst kürzlich zum JMS-Lehrerteam hinzugestoßen ist. Die drei Akkordeonisten setzten mit ihrem Spiel auf Anhieb Maßstäbe für zeitgenössische Akkordeonmusik. Bei dem Stück UFO kommt ihr Spiel wie aus Raumesweiten mit leichten, schnellen Tönen angeflogen. Das Trio meistert dieses schwierige Tempo-Stück aus dem musikalischen Werkzeugkasten der Raumfahrt mit großer Souveränität, Humor nd Virtuosität.

Das Akkordeon-Trio „Drück mich“ mit Waldemar Lang, Barbara Helmle-Hofmeier und Ljubiša Lakovic setzt hohe Maßstäbe bei Souveränität, Humor und Virtuosität.

Wer als Schüler lernen möchte, das Fagott zu beherrschen, sollte mindestens zwei Finger breit oder eine Hand breit größer sein als sein Instrument. Nach dieser Regel können schon Neunjährige dieses schön klingende Instrument spielen. Der Bachelor Fagottist Robert Oros zeigte bei dem Andante e Rondo Ungarese Op. 3 von Carl Maria von Weber durchweg ein kraftvolles und klares Spiel. Die romantische Klavierbegleitung übernahm seine Frau Laura Marc. Oros‘ Stärke ist ein voller Klang, beim Andante war es, als würde einem der Ton eines ganzen Orchesters entgegenkommen. Sein Allegro mit perfekten Wechseln im Rhythmischen mündete in eine ausgezeichnete Coda. Der junge, aufgeweckte Musiker Robert Oros darf als großes Talent gelten.

Der talentierte Fagottist Robert Oros wird bei einem romantischen Stück von seiner Frau Laura Marc begleitet.

Mit einer romantischen, oft gespielten Melodie von Jules Massenet überzeugte die Leiterin für den Fachbereich der Streichinstrumente, Alexandra Stumpf, am Flügel kongenial begleitet von Lehrerkollegin Arina Aartsen. Stumpf betreut zusammen mit mehreren Lehrerkollegen nahezu 30 Kinder und Jugendliche im Schulalter, aber auch Erwachsene. Sie ist seit einigen Jahren Konzertmeisterin des Sinfonischen Orchesters Hochschwarzwald. Pianistin Aartsen gibt neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin regelmäßig Konzerte, als Solistin wie auch als Kammermusikerin. An diesem Abend begleitete sie zudem Lehrerkollege Jan Kolck an der Trompete.

An der Geige überzeugte Alexandra Stumpf, Leiterin für den Fachbereich der Streichinstrumente, am Flügel kongenial begleitet von Lehrerkollegin Arina Aartsen.

Nicht zusammen studiert, aber zusammengefunden als Musiklehrer an der JMS Hochschwarzwald haben sich vier Klarinettisten, die an diesem Abend eine exzellente Kostprobe ihres Musikkönnens gaben. In Dvoraks Serenade d-Moll, op. 44 verwandelten sie stoßende Klänge kunstvoll in fließende Melodien. Danach folgte ein unterhaltsamer Ausflug ins moderne Fach. In einer witzigen Jazz-Suite verbreitete Maria-Anna Brucker mit der Bassklarinette mehrfach großen musikalischen Spaß. In A Stroll in the City beginnt die Melodie in einem tanzenden Schritt und nimmt die Hörer mit in eine gemütliche Jazz-Kneipe. In Hot Potato Boogie übernimmt sie gar die freche Rolle der Solistin. Der meisterliche Klarinettist Christoph Wirz spielt mit Charme und einem erstklassigen Vibrato die Oberstimme im Blowing the Blues. Wirz trägt wesentlich zum überaus professionellen Klang des Quartetts bei. Abgerundet wird der Ton freilich erst mit Klarinettist Istvan Elekes und der Klarinette von Brigitte Weigmann. Neben Weigmanns Namen in der JMS-Lehrerliste steht als Unterrichtsfach Klarinette für Menschen mit Behinderung. Ihr Unterricht ist ein gutes Beispiel für das weit gefächerte Angebot der JMS. Der Fachbereichsleiter Gitarre, Alexander Lehner, lieferte zusammen mit seinem neuen Kollegen Santiago Perdomo einen kurzen, aber prägnanten Nachweis, wie man Musik aus Südamerika interpretiert. Dies zeigte sich bei dem beachtlichen Stück „Cubana“ in einem wirbelnden Zusammenspiel, das den ganzen Saal ins Lauschen brachte. Der teilnehmende JMS-Lehrer für Saxophon war Jan Fehrenbach aus Löffingen, der mit viel Präsenz das Stück Concertino Op. 78 von Jean Babtiste Singelée intonierte. An seiner Seite Ljubiša Lakovic am Akkordeon.

Eine exzellente Kostprobe ihres Könnens gaben die Klarinettisten Christoph Wirz, Maria-Anna Brucker, Brigitte Weigmann und Istvan Elekes.

Durchs Programm führte Götz Ertle, selbst studierter Musiker und Lehrer für Klarinette und Saxophon sowie künstlerischer Leiter der JMS. Er hatte die 20 Konzertmitwirkenden vor einiger Zeit gefragt und um ein eigenes Konzert gebeten. Denn bei den recht häufigen Schülerkonzerten stehen nicht die Lehrer, sondern die kleinen und großen Schüler mit ihren musikalischen Fähigkeiten im Fokus. Nach dem letzten Lehrerkonzert 2017 hatte das Publikum somit erneut Gelegenheit, die Unterrichtenden mit ihren Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne zu erleben und musikalisch einmal persönlich kennenzulernen.

Originaltext vom 5.2.20

In der Bearbeitung für die Badische Zeitung. erschienen am 5.2.20

Basalt

Wo Milde und Härte aufeinandertreffen

Kunstforum und Sparkasse präsentieren die widersprüchlichen Werke des Freiburger Bildhauers Ralf Weber.

TITISEE-NEUSTADT. Sein bevorzugtes Material ist eine spezielle Art schwarzer Basalt, der allgemein als Granit bezeichnet wird: Zur Ausstellung blackwhiteforest des Freiburger Bildhauers Ralf Weber begrüßte Meryem Yalcinkaya von der Sparkasse das Publikum. Ihr folgte Rainer Mertens vom Kunstforum. Er gab bekannt, die Veranstaltung in der Schalterhalle der Bank würde etwas später im Kunstforum in der Salzstraße mit weiteren Arbeiten des 1972 geborenen Künstlers fortgesetzt. Weber ist seit Jahren auf vielen Messen vertreten.

Basalt, der aus Schweden stammende, vierkantig zugesägte und auf Hochglanz polierte Naturstein, verfügt über eine ungewöhnliche Dichte. Hören lässt sich die Undurchdringbarkeit am Klang, der an Metall erinnert. Ralf Weber rückt der versammelten Enge des Steins in seinem Atelier mithilfe eines diamantbesetzten Winkelschleifers auf den Leib. Damit löst er Material aus dem Granit heraus. Die Technik des Aushöhlens erinnert entfernt an den englische Bildhauer Henry Moore, der sie schon im 20. Jahrhundert anwandte, wenn auch auf ganz andere Weise. Im Unterschied zu den weichen und an den menschlichen Körper erinnernden Formen des vielfach geehrten Moore, schlägt Weber den gegensätzlichen Weg ein. Seine Kuben finden ihren Halt nicht wie die Skulpturen bei Moore im Innenleben, sondern in der äußeren Hülle. Dazu dient ein Flechtwerk aus einem sich überkreuzenden Band. Es hält das frei dastehende Gerüst zwar aufrecht, in seinem Innern aber herrscht Fragilität. In den Steinkörpern, die aus der Distanz einem langgestreckten, durchlässigen Flechtwerk gleichen, befindet sich lediglich etwas zerklüftet Stabartiges, vielleicht auch Absterbendes oder schon Abgestorbenes. Wenn der Engländer Moore in der Mitte der Bildhauerkunst steht, dann hält sich Weber mit seinen Stücken vergleichsweise außerhalb dieser Mitte auf. Einerseits mag man dem Künstler eine ernste Suche attestieren, ein Erkunden des Verdichteten, andererseits wünscht man sich, er hätte mehr von der enormen Formkraft des der Natur abgerungenen Steins für den Betrachter zurückbehalten und gestaltet. Weber selbst spricht von einer Gratwanderung, vor der unglaublichen Härte des Materials zu bestehen. Ein unbedachter Moment mit der Trennscheibe beim Abtragen des Werkstoffs fügt dem Stein einen Riss als bleibenden Schaden zu. Dann muss Weber ihn durch einen Neuen ersetzen. Seine Arbeitsweise ist riskant, klar ist aber auch, der extrem schwere und harte Stein macht es der Kunst im Ganzen nicht leicht.

In der Ausstellung an den zwei genannten Orten treten aber auch Harmonie und Sanftmut ins Bild. Weber schafft dies mit einem weißen Marmor aus Italien. Das milchig weiße Material formt er zu einer kreisrunden, dem vollen Mond ähnelnde, leicht erhabene Scheibe. Deren Fläche ist etwas überraschend mit Rillen bedeckt. Solche Symbolik, die auf existierende Himmelskörper verweist, nutzten schon die alten Kulturen. Heute knüpft sie eher an die dekorativen Wünsche des modernen Konsumenten an. In einem anderen Objekt schleift Weber das weiche Gestein zu einer gewellten, rechteckig abgegrenzten Landschaft. Das an der senkrechten Wand befestigte Kunstwerk strahlt eine ungewöhnliche, wenn auch etwas beliebige Milde aus.

Stellt man Webers künstlerische Arbeiten mit den so unterschiedlichen Materialien Granit und Marmor abschließend nebeneinander, erlebt der Besucher der Vernissage ein Wechselbad der Gefühle und eine regelrechte Umkehr des Harten zum Weichen. So gesehen besteht in beiden, nur 300 Meter voneinander entfernten Lokalitäten Gelegenheit zu einem widersprüchlichen und besonderen Kunsterlebnis.

13. November 2019 , Badische Zeitung

Kunst

Die Seele als unbekannter Ort

Mascha Klein beim Kunstforum Hochschwarzwald mit ihrer Ausstellung „Fixierte Figuren“.

TITISEE-NEUSTADT. Eine Reihe teils großformatiger Bilder von Mascha Klein zeigen Menschen mit Oberkörpern, die nicht ausgefüllt werden, stattdessen deuten feine Linien die Mitte der Gestalt an. Der so begrenzte weiße Leib markiert die Seele als unbekannten Ort – unfixiert, leer, unbefestigt. „Fixierte Figuren“ heißt die Ausstellung von Mascha Klein beim Kunstforum Hochschwarzwald in Neustadt.

Die Freiburger Künstlerin ist Keramikerin und studierte Kunst am Kolleg der Freien Hochschule für Kunst, Medien und Design in Freiburg. Die Leere in den schlicht gerahmten Oberkörpern erfasst sowohl die „Kämpferinnen“ als auch die mit „Tänzer“ überschriebenen Bilder. Es sind wohl ältere Männer in Ballerina-Kleidchen. Letztere verwandeln sich zu knöchellangen, aufgeplusterten Röcken. Was die Kämpferinnen betrifft, so stecken sie in gefühlt zwei Nummern zu großen Hosen, die in kräftigen Farben ausgeführt sind. Die mit Pfeil und Bogen dargestellten Amazonen, die Altherrenriege mit Frisuren im Stil des Punks und die etwa 30 Zentimeter großen Keramiken, die geschlechtsunabhängig mit Paarbeziehungen spielen, enthalten dem Betrachter mehr oder weniger die unteren Gliedmaßen vor. Mit zu großen Hosen, weitgeschnittenen Röcken und Kleidern wird es den Unterleibern schwer gemacht, sich geschlechtlich einzuordnen.

Stattdessen machen die künstlerisch gezeichneten Köpfe die Emotionalität nach außen sichtbar. Das Gesicht wird jeweils in Strichen angedeutet, wobei einzelne Striche sich durch Dopplungen verstärken und teils triebhafte Züge annehmen. Die grotesk gestylten Haare tun ein Übriges, denn sie werden wiederholt wirr gezeichnet oder strahlenförmig wie Antennen in die Umgebung hinausgefächert. Zusammengenommen erscheinen die so vorgeführten Gestalten wie in einem eingefrorenen Zustand.

Sie wirken ihrem Geschlecht entfremdet, seltsam kalt, teils sind sie unbeteiligt, teils außer sich, als würden sie ihre Befehle von außen empfangen. Ein geführtes Innenleben ist nicht zu erkennen, etwa in der Art, dass diese Figuren ihre Seelenstimmungen bewusst ausloten würden oder sich selbst wahrnehmen.

Eine Ausnahme bildet das mit „Sprung“ bezeichnete Bild. Es zeigt eine kleine weibliche Figur, die den Absprung macht von einem Gegenstand, der ein Stein sein könnte. Auf der anderen Leinwand ist eine junge Frau abgebildet, die dabei ist, eine Axt hoch über ihrem Kopf nach unten zu führen (Titel: „Schlag“). Es sind sich bewegende Menschen, mit tätigen Beinen, mit einer seelischen Mitte und einem denkenden Kopf.

Allen Bildern ist gemeinsam, dass sie auf die Darstellung von Natur verzichten. Man fragt sich, was geschehen würde, wenn die gezeigten Figuren ins Grüne eintauchten. Der gezeigte farbmonotone Hintergrund aber verweigert der Komposition die heilsame Wirkung der Natur. Die von Stresshormonen gezeichneten Gesichter würden sich dann womöglich entspannen. Klein lässt durch ihre Bilder keinen Zweifel aufkommen: Der moderne Mensch verkümmert, wenn er sich nicht seiner selbst besinnt und den Kontakt zur Umgebung verliert.

Durch ihre Bilder ist Mascha Klein mit Hieronymus Bosch kunstgeschichtlich verbunden, etwa mit seinem berühmten „Garten der Lüste“. Ebenso erwähnt Paula Seeger in ihrer Einführung Berührungspunkte zu Pieter Bruegel den Älteren, der die Malerei der Niederländischen Renaissance mit markanten Bauerngesichtern bereicherte. Einen Vergleich zog die Kulturwissenschaftlerin außerdem zu „Das Narrenschiff“ von Sebastian Brant von 1494. Seeger beschreibt die Sujets und die Arbeitsweise der Künstlerin und bilanziert deren Auftritt in Neustadt so: „Mascha Klein legt es darauf an, auszubrechen aus festgefahrenen Normen. Sie stellt in ihren Zeichnungen gesellschaftliche und moralische Konventionen in Frage, und fordert dazu auf, die eigene Komfortzone der Rollenzuschreibungen und Geschlechtermerkmale zu verlassen.“

Mai 2019 in der Badischen Zeitung

Rost

Vom Hegen und Pflegen

 In der Salzstraße eröffnete im Kunstforum mit einer lehrreichen Vernissage die Ausstellung „Oxydation“. Darin zeigt Ingrid Sperrle, wie man Metallplatten mit Wasser zum „Ausblühen“ bringt.

Vor kunstinteressierten Gästen eröffnete Rainer Mertens vom Kunstforum in der Salzstraße am Freitag eine neue Ausstellung mit Bildern der in Leipzig ansässigen Künstlerin Ingrid Sperrle. Die gelernte Emaileurin und studierte Bildende Künstlerin, die in den neunziger Jahren und bis 2009 in Freiburg lebte und arbeitete, präsentierte unter dem Titel „Oxydation“ eine Auswahl ihrer Werke. Um die Faszination dieser Bilder zu verstehen, ist es wichtig, etwas über die Arbeitsweise der in Schwäbisch Gmünd geborenen Künstlerin zu erfahren. Zuvor jedoch kann der Betrachter sich getrost dem sinnlichen Erlebnis ihrer Farbwelten hingeben, die von einem besonderen Stoff erfüllt sind: Rost. Das aus der Begegnung von Eisen und Sauerstoff in der Gegenwart von Wasser entstehende Korrosionsprodukt Rost erzeugt changierend orangene bis braunrötlich und umbradunkle Töne. Das Spröde, oft aber auch samtig Weiche des Materials gibt dem Ganzen nicht selten den Charakter eines Reliefs. Das jeweilige Bild wird beherrscht von schlierenförmigen Zufallsspuren aus Rost, die teils an Steinflechten oder abgeplatzten Lack erinnern. In dieses Chaos werden rechteckige Formen mit hineingenommen. Der daraus resultierende Gegensatz aus Ordnung und Zufall bildet einen morbiden Charme, dem sich der Betrachter nur schwer entziehen kann.

Anfang der 90er Jahre begann Ingrid Sperrle Bilder dieser besonderen Art zu schaffen. Um den Oxydationsprozess überhaupt in Gang zu setzen, legte sie auf das blanke Metall feuchte Textilien. Mit einer Gießkanne goss sie Wasser auf die damals teils drei Mal vier Meter großen Stoffbahnen, welche die Metallplatten bedeckten. Bei dieser Vorgehensweise beginnt der Rost relativ schnell auszublühen. Dies bringt den Freiburger Pädago-gikprofessor und Psychiater Eberhard Brügel dazu, Sperrle mit  einer „Gärtnerin“ zu vergleichen.

Kunst, die sich auf mythologischem Gebiet bewegt

In einer Laudatio schrieb der langjährig an der Pädagogischen Hochschule Freiburg Lehrende: „…Wie eine Gärtnerin achtet Ingrid Sperrle darauf, wann das Metall wieder Wasser benötigt – in der Regel nach zwei oder drei Tagen – und wiederholt das Wässern, bis sie anhand der Spuren auf der Rückseite der Textilien den angestrebten Rostzustand erreicht hat.“ Rost dringt während des Prozesses der Oxydation in die Textilien ein, welche den Vorgang festhalten und sichtbar machen. „Das Ganze hat den Duktus von Hegen und Pflegen“, sagt Eberhard Brügel während der Vernissage.

Spätestens seit blankgeputzte Stahloberflächen zeitlose Modernität signalisieren, hat sich der menschliche Blick auf Rost gewandelt. Vergessen sind hierzulande die von Arbeitern verlassenen Fabrikanlagen, die in rostiger Tristesse ein untergegangenes Industriezeitalter markierten. Heute beherrscht glänzendes oder mattes Stahl Innenräume und den öffentlichen Raum, etwa in Form nie rostender Geländer. Gegenstände des täglichen Ge-brauchs aus Stahl, wie etwa Flaschenöffner, tun ein Übriges. Der ausufernde Gebrauch von Stahl schuf dem von Rost verwitterten Metall eine neue Bedeutung. Dr. Sabine Heilig beschrieb in ihrer Laudatio diese Entwicklung vom wenig geachteten Verwitterungsprodukt zum vielfach künstlerisch genutzten und dekorativen Material. Korrosion als ein ästhetisch sichtbarer und erfahrbarer Naturprozess –  mit Ingrid Sperrle erfährt es nun schon viele Jahre eine Renaissance auf dem Gebiet der Bildenden Kunst. Man darf freilich annehmen, dass schon vor Urzeiten Menschen erzhaltige, mit Wasser und Luft veränderte Erde beobachtet, untersucht und vielseitig verwendet haben, et-wa als Färbemittel. Insofern steht das, was Ingrid Sperrle macht, in einer langen Tradition, wenngleich es dem Auge heute neu erscheint.

Die dem hoch reaktiven Sauerstoff so sehr verbundene Künstlerin ist sich bewusst, dass ihre Kunst mit Zerfall assoziiert wird. So klingt es schon im „Nichts bleibt wie es ist“ von Platon, so tönt es auch aus Heraklits Fragmenten oder es tritt im „Werden und Vergehen“ von Aristoteles philosophisch auf den Plan der europäischen Kultur. Auch passen Sperrles Metamorphosen aus Eisen, Wasser und Sauerstoff ganz gut zur Pflanzenlehre Goethes und zum Bild vom Kreislauf von Leben und Tod in vielen Legenden. Sperrle bewegt sich bei ihrer Arbeit im Grunde ständig auf mythologischem Gebiet. Vielleicht erklärt dies ihre methodische Strenge in vielen Bildern. Sie lässt schwülstig barocke Formen zu, scheut sich aber, Gegenständliches und Seelisches darzustellen. Eher zurückhaltend präsentiert sie ihre Motive, die mit „Rot vor Zorn“ und „Grün vor Ärger“ sowie mit „Die fünf Typen“ betitelt sind. Immerhin zeigt sie die Werke, welche das Chaotisch-Zufällige hinter sich lassend konkret werden wollen.

Die kleine, feine Ausstellung mit Bildern in vorwiegend leuchtenden Herbstfarben dringt mit künstlerischen Mitteln ein in das Leben der Erde und seine natürlichen Prozesse. Wie weit diese Vorgänge reichen, mag zum Schluss beispielhaft an dem Bild verdeutlicht sein, dass die Künstlerin an diesem Abend selbst abgibt. Sie trägt zur dunklen Hose eine frühlingsgrüne Bluse mit zarten Rostmustern auf Kragen und Ärmeln. Sie erschließt damit ihrer Ästhetik ein weiteres Gebiet: die Mode. Vielleicht gibt es demnächst ja eine Kollektion mit Entwürfen von Sperrle. Die Künstlerin plant, zum Abschluss der Schau am 7. Oktober noch einmal in der Salzstraße anwesend zu sein.

BZ Di, 18. September 2018

Erziehungshilfe

Volker Rothfuß

Eurythmie in der Erziehungshilfe

Ein weltverbundenes Fach, das Schüler fröhlich stimmt, sie aber auch fordert
  • Erziehungshilfe zusammen mit dem Freiburger Schulamt ist eine seit über 30 Jahren gelebte Praxis der Michael-Schule, die wie eine Waldorfschule arbeitet.
  • Die Eurythmie vermag es, die Fähigkeit zu fördern, aus der Nachahmung der ersten Klasse heraus die eigenen Formkräfte zu bilden.
  • Bei der Lautierung des ungeteilt verbundenen Alphabets geht es um den seelischen Fluss bis ins Leibliche hinein – jeweils differenziert nach den einzelnen Lauten.

FREIBURG. Nachdem die dritte Klasse auf dem Flur versammelt von ihrer Eurythmielehrerin auf die Stunde eingestimmt worden ist, betreten die Kinder geordnet den Raum. Jeder der neun Jungs wird an der Türe einzeln begrüßt. Im Kreis aufgestellt folgt das obligatorische „Guten Morgen, liebe Kinder“ von der Pädagogin, die Schüler antworten  mit einem „Guten Morgen, liebe Frau Herrmann.“ Michelle Herrmann ist eine diplomierte Eurythmistin und seit über 30 Jahren im Beruf. Sie war in der Freien Waldorfschule Freiburg Wiehre und arbeitet seit 12 Jahren in der Michael-Schule. Zusammen mit Heileurythmist Thomas Schickler deckt sie das pädagogische Eurythmie-Angebot der Schule ab. Diese umfasst rund 105 bis 110 Schülerinnen und Schüler sowie 25 Lehrer. Klassenlehrer und Fachlehrer bilden ein sonderpädagogisches Team, in dem bei der Arbeit jeder auf den anderen angewiesen ist. Die Pädagogin sagt, „der Schulalltag bringt jeden an seine Grenzen, umso mehr erfreut es mich an unserem Kollegium, dass wir freundschaftlich, ehrlich und familiär zusammenarbeiten.“

In die Formkräfte kommen

Der Eurythmie-Saal ist der wohl größte und zugleich schönste Saal der Schule. Der Raum ist sachgerecht ausgestattet, mit einem klingenden Flügel, auf dem ein schöner Blumenstrauß steht, an der Wand die Grafik eines Sterns von Emma Kunz und ein Farbenkreis, dem von Goethe nachempfunden. Die dritte Klasse geht nach einer Vorübung in die Verwandlung zum „Ich will lernen, was die Erde mir erzählt“ mit den Elementarwesen. Neun muntere Zwerge beschreiten in rhythmischen Schritten ihre Erdenwege. Dabei sehen sie mit tief ins Gesicht gezogenen Zipfelmützen und kurzen Hälsen aus wie Naturgeister, die in Boden, Bäumen und Sträuchern leben. Diese sind vor den Fenstern an diesem herrlich sonnigen Junitag zu sehen, man hört in den Pausen das Zwitschern der Vögel. Die Schule liegt in einem Park und nahe an einem Bach. Während die Gnome laut und lebendig durch den Saal stampfen, fließt das Gewässer draußen, eingezwängt in ein enges, grades Bett. Manchmal drohen die Arme den Zwergen verloren zu gehen, was Michelle nicht als Störung oder Belastung in die Gruppe spiegelt, sondern die Kinder so annimmt wie sie sind. Sie hält damit die Sache in der Spur. Der eingeschlagene Weg und das zu Schaffende stehen weiterhin im Mittelpunkt, auch wenn fremde Mächte die Seelen mit ihren zappligen Launen belagern. Die Kinder wirken in ihrer Konstitution zart, zerbrechlich, einige sind wohl auch körperlich geschwächt, doch allesamt suchen sie, jeder auf seine Weise, in sich den tiefen Grundton des eigenen Gnomen, ganz so, als machten sie einander Mut auf dem Weg in den dunklen Berg.

„Es ist mir wichtig, dass die Kinder früh in die Form kommen“, sagt die erfahrene Lehrerin. Schon in der ersten Klasse arbeiten sie in der Nachahmung den Charakter der Laute, die von Beginn an als formgebendes Element zum Einsatz kommen. Bei der Seele eines Zappelphilipps sind diese Formkräfte ein Segen, denn sie lernt die Form gewissermaßen in die Hand zu nehmen, später in der Oberstufe kann der Schüler die Choreografie dann für das jeweilige Thema selbst umsetzen. Die Kinder werden daher schon früh ermuntert, in die Muskelspannung zu gehen, Stichwort: Muckis. Eine andere Möglichkeit, in die Willensgeste zu gelangen, zeigt die Eurythmielehrerin an diesem Tag mit den Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer. In der Mitte steht ein Hocker mit einem Tuch, das für jedes Element in Farbgebung und Motiv durch ein anderes ausgetauscht wird. Anhand von Darstellungen auf kleinen Druckbildern stimmen sich Marco, Adrian und die anderen auf das jeweilige Element ein. Sie nehmen ihre Stellung ein und führen die Bewegung aus. Dabei bewegen sie sich gleichsam auf den Spuren von Aristoteles, der die Welt aus Gegensätzen zusammengefügt beschreibt. Die Polaritäten geraten dabei zu Willenshelfern, langsam etwa beginnen die Kinder die Übung und steigern das Tempo bis zum Gegenteil ins Schnelle. Oder ein Teil der Gruppe sitzt und die anderen bewegen sich. So auch bei den Steinen, die vom Wasser des Bergbachs umspült werden. Das Strömen und Weben des Wassers, sein Springen und Stauen spiegelt sich in den Bewegungen der Schüler und im Klavierspiel. Auch in der Fünf-Stern-Übung finden sich Thomas und die anderen in einem Wechselspiel von Schreiten und Laufen, rund und gerade, von Stillstand und Aktion. Doch was passiert da eigentlich? Im Fünf-Stern spiegelt sich der Mensch selbst. Die Kraft dieser Form basiert auf der Gestaltnatur des Menschen. Die Schüler nehmen diese Kraft in sich auf durch ihren Laufweg und die Bewegung. (Lauf-)Fehler selbst zu richten, ist durch diese Form dem Kind erleichtert. Es fühlt sich in der Aktion ungeteilt verbunden mit der Welt und geht darin doch seinen eigenen Weg.

Zum Abschluss der Stunde bilden die Kinder  noch einmal einen Kreis und lenken ihren Sinn auf einen Vorgang der besonderen Art. Es bleibt bei allem, was folgt, mucksmäuschenstill. Sie bewegen ihre Arme und Hände durch das lautliche Alphabet, fließend und ohne Unterbrechung vom A bis zum Z. Im Nachhinein betrachtet und von außen gesehen ist es der Höhepunkt der Stunde. Was Michelle praktiziert, ist ganzheitlich in seiner Wirkung und gerade deshalb für diese Gruppe pädagogisch angezeigt, soll heißen: Ich rege bei der Lautierung des Alphabets den seelischen Fluss bis in mein Leibliches hinein an – differenziert durch jeweils einen anderen Laut. Das ist Erziehungshilfe im Tun mit den Mitteln der von Rudolf Steiner einst entwickelten Lauteurythmie.

Unterricht in kleinen Klassen

Das großbürgerlich erscheinende Gebäude ist eine alte Unternehmervilla aus der Gründerzeit in Freiburgs Kartäuserstraße. Ein Mann von etwa Mitte Dreißig betritt die holzvertäfelte Villa, in der man nicht unbedingt eine Einrichtung wie die Michael-Schule vermutet. Der etwas aufgeregte Vater will an diesem Morgen sein Kind anmelden. Nehmen wir an, es ist in der Klasse Drei und besucht derzeit noch eine Regelschule. Nach vermutlich einigem Zögern und Zaudern, nach Gesprächen, Diagnose und Beratung ist inzwischen klar, dass die Tochter eine Schule mit einem Angebot wie dem der Michael-Schule braucht. Im Büro gibt der Vater das ausgefüllte Formular ab. Ein Gutachten und die Genehmigung vom Schulamt stehen noch aus. Sind diese Nachweise beigebracht, hat seine Tochter den Anspruch erworben, in einem der Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren der Stadt Freiburg (SBBZ) einen Platz zu erhalten. Den betroffenen Eltern sind diese Einrichtungen willkommen und segensreich, geben sie doch ihrem Nachwuchs eine neue schulische Heimat. Der Mann und seine Ehefrau und Mutter haben sich für die Michael-Schule entschieden, da sie den beiden als besonders geeignet für ihre Tochter und für sich selbst in der Rolle als Eltern erscheint.

Mit dem Standort in der Kartäuserstraße hat die Schule eine zentrale Lage, liegt in einer ruhigen Umgebung und kann gut angefahren werden. Die Kinder der Klassen eins bis vier werden am Morgen mit dem Fahrdienst gebracht und bei Unterrichtsende um 12.45 Uhr oder 15.30 Uhr nach Hause gefahren, auch wenn die Adresse im Umland liegt. Mit diesem Service unterstreicht die Stadt ihre Verantwortung für die Rahmenbedingungen einer guten Sonderpädagogik. Ab der Fünften fahren die Kinder mit den Öffentlichen oder werden privat gebracht und geholt.

Unterrichtet wird in Kleinklassen. Ein Lehrer bleibt bei seinen Schülern von Klasse eins bis sechs. Bis zum Hauptschulabschluss übernimmt sie ein neuer Lehrer. Jeder Klassenlehrer bekommt einen erfahrenen Kollegen an die Seite gestellt. Dieser Pate hilft, wenn Rat erwünscht ist und er vertritt den anderen nach Absprache. Der Tagesablauf: Die ersten beiden Stunden gelten dem Hauptunterricht. Darin werden in 3- 4-wöchigen Epochen die Fächer Deutsch, Mathematik, Formenzeichnen und Sachkunde unterrichtet, später auch in Geschichte, Erdkunde und in den Naturwissenschaften. Die Klassen sieben bis zehn beginnen den Tag mit einer Stunde Sport-Aktivität vor dem Hauptunterricht. Nach der 10-Uhr-Pause folgen drei Fachstunden. In der Mittagszeit gibt es ein frisch zubereitetes, vollwertiges Essen in Bio-Qualität. Ab zwei Uhr folgt ein pädagogisches Zusatzangebot wie Turnen, Steinbildhauen und Zirkus, auf dem Mundenhof ist Voltigieren angesagt, fürs Kochen gibt es eine Lehrküche, außerdem im Programm sind Gartenbau, Handarbeit, Werkunterricht, Singen oder Theater. Für jedes Kind wird ein Förderplan erstellt und evaluiert. Zu den Therapien gehören neben der Heileurythmie auch Kunsttherapie und therapeutische Sprachgestaltung. Was diesen Aufbau und Ablauf betrifft, betont Schulleiter Andreas Jäger, „arbeiten wir im Grunde wie eine Waldorfschule“.

Der Hauptschulabschluss erfolgt in der neunten oder zehnten Klasse. Danach sind Berufsfachschulen eine Möglichkeit, die Zukunft anzugehen. Ab der Achten findet eine Beratung durch die Arbeitsagentur statt. Dabei werden die Anrechte der Jugendlichen abgeklärt. Mehrwöchige Praktika in Betrieben gehören zur Berufsvorbereitung. Die Rückschulung an eine Regelschule ist jederzeit möglich. In Betracht kommt eine der drei Waldorfschulen oder eine andere öffentlichen Schule in Freiburg.

Gut aufgenommen und eingearbeitet

Der Klassenlehrer der zweiten Klasse mit 12 Kindern, je zur Hälfte Jungen und Mädchen, ist Johannes Schorn. Der Grundschullehrer plant, sich berufsbegleitend fürs Lehramt Sonderschule fortzubilden. Später will er das Studium der Waldorfpädagogik vielleicht folgen lassen. Nach eigener Aussage ist er von den Kollegen gut eingearbeitet und aufgenommen worden. Was die Eurythmie betrifft, so hält er sie vor allem in der motorischen Entwicklung der Kinder für bedeutsam.

Die im Jahr 1982 von Waldorflehrern gegründete Michael-Schule ist Mitglied des SBBZ-Netzwerks und neben dem Haus Tobias in der Stadt das zweite Institut, das sich an der Pädagogik von Rudolf Steiner und der durch ihn begründeten Menschenkunde orientiert. Die Lehrer der Schule unterrichten überwiegend mit vollem Deputat und werden direkt durch das Schulamt der Stadt entlohnt. Für gewöhnlich haben sie ein Studium für die Grundschule, die Hauptschule oder Werkrealschule absolviert. Erwünscht ist außerdem die Qualifikation für das Lehramt in Sonderschulen. Ein Teil des Kollegiums hat das Waldorflehrerseminar besucht.

Einer alten Villa entsprechend sind die Schulzimmer mit Ausnahme des Raums für die Eurythmiestunden eher klein und reichen bis unter das Dach. In diesem Stockwerk ist auch der Raum, in dem die öffentlichen Schulfeiern abgehalten werden. Auf einer kleinen Bühne werden neben anderen Darbietungen auch Stücke der Klassen in Eurythmie aufgeführt. Die Klassenzimmer haben keinen Wasseranschluss und im Keller teilen sich Hausmeisterei, Küche und andere die vorhandene Fläche. Im Kellergeschoss stehen außerdem Bänke und Tische auf dem Flur, der aus Mangel an Alternativen als Speisesaal genutzt werden muss. Bei aller Beengtheit kommen von Schulrektor Jäger keine lauten Klagen. Die alte Fabrikantenvilla hat zweifelsfrei ihre Vorzüge durch die familiäre Atmosphäre, die den Pädagogen wie den Schülern zugutekommt.

Eurythmie hier wie in Guatemala

Michelle Herrmann engagiert sich für eine Schule in Guatemala. Anfang Juni kehrte sie von dort nach Freiburg zurück und hat der vierten Klasse von ihrem Aufenthalt und der Reise berichtet. „Was machst du mit denen“, haben die Kinder gefragt. „Dasselbe wie mit euch“, gab Michelle zur Antwort. Demnach hat auch die guatemaltekische Vierte das Lautieren des eigenen Namens geübt. Sichtbare Sprache dort wie hier! Im Ganzen den eigenen Namen erleben! In der aktuellen Stunde beginnt die Vierte mit dem in-einem-durch-lautierten Alphabet. Ein Entwicklungsschritt wird dabei deutlich: in der Dritten machte die Lehrerin noch das Alphabet äußerlich mit, während sie es in der Vierten nur noch innerlich mitbewegt und auf diese Weise den Einzelnen auf Entdeckungsreise schickt.

Kurz danach laufen die acht Jungen und zwei Mädchen die Kronenform unterstützt von den Klängen eines Klaviers. Vier Schritte sind das Maß, um in der Form zu bleiben. Die Lehrerin gibt Hilfestellung, wohltuend und haltgebend dabei ihre vergleichsweise tiefe weibliche Stimme, die Kinder orientieren sich untereinander, ein Mädchen wird geführt und findet so zum Laufweg. Einem oder zwei Kindern gelingt es, zusätzlich auf die Musik zu hören. Der Raum wird zunehmend bewusster zusammen mit der Form ergriffen, ein Schuljahr weiter gibt es dazu eine Fortsetzung. Dann sind es eurythmische Übungen zu der indischen, persischen, ägyptischen und griechischen Kulturepoche. In der Sechsten folgt die Geometrie im Raum und Texte zur römischen Kulturepoche. Begonnen hat es in der ersten und zweiten Klasse mit der konsonantischen Evolutionsreihe. Es sind dies die zwölf Laute, in denen das Schulkind nach den Regeln der Eurythmie den richtigen Einstieg findet in die eigene menschliche Entwicklung.

Als Zwischenstück macht die Gruppe ein Volkslied im Seitgalopp, um schließlich so etwas wie das Komplementär zur Kronenform zu laufen: Die große Acht mit doppeltem Zentrum, Lemniskate und Ei, gegangen wird sie vorwärts und sogar rückwärts im Wechsel. Mit dem Ende der Stunde wird jedes Kind einzeln in die Mittagspause verabschiedet. Ein Kind äußert den Wunsch, mal wieder das „Pferdchen“ aus der ersten Klasse dranzunehmen, bei dem über einen Stab gesprungen wird. Doch damit nicht genug. Es schlägt vor: „Das Pferdchen musst du auch mal mit unseren Eltern machen.“

Was die Eltern an der Bewegungskunst schätzen

Eltern sind ein Thema für sich in der Sonderpädagogik. Beim Elternabend in der Ersten erklärt Michelle Herrmann gerne, was die Kinder in der Eurythmie machen. Dort erfahren die Eltern, was die Schüler antworten, wenn sie gefragt werden: Was lernt ihr durch die Eurythmie? An oberster Stelle setzen die Kinder und Jugendlichen das „Sich-konzentrieren-können“ und an zweite Stelle das „Auf-sich-selbst-und-den-anderen-achten-können.“ Geschicklichkeit, Selbstbeherrschung und Geistesgegenwart sind weitere Merkmale, um deren Erwerb es in diesem Fach geht. All diese Fähigkeiten kann man nicht messen, aber in sich aufnehmen. Als Soft Skills erleichtern sie einem das Leben und wecken den Respekt der anderen. Das macht die Eurythmie in den Augen mancher Eltern noch lange nicht zu einem Schulfach, was einiges an Geduld und Einsicht von den Beteiligten erfordert. Andere Eltern nehmen das Fach mit Dankbarkeit an. Denn sie wissen, ihr Kind wird an dieser Schule sachgerecht aufgefangen und erhält die Bildung, die es für seinen weiteren Lebensweg benötigt.

Das jeweilige Temperament des Schülers wird von der Eurythmielehrerin wahrgenommen und angenommen. Dies allein schon fördert die Eigeninitiative des Kindes als unverzichtbare Voraussetzung für einen erfolgreichen Bildungserwerb. Schulleiter Andreas Jäger kann berichten, Eurythmie sei an der Schule ein Fach, das die Kinder gerne machen, manche sogar lieben: „Es stimmt sie fröhlich, aber es fordert sie auch.“

Ein Kind, das die Michael-Schule besucht, hat bessere Chancen, nicht mehr an seiner Umgebung zu scheitern. Doch auch Schule findet nicht isoliert von dem statt, was in der Gesellschaft passiert. Warum etwa bekommen so viele Kinder heute Ritalin? Es stellt sich die Frage, wie das Kind trotz ärztlich verordneter Ruhigstellung in seiner Entwicklung gefördert werden kann. Auf diesem Gebiet ist die Eurythmie zusammen mit anderen Angeboten stark gefordert. Michelle: „Ich mache die Erfahrung: auch wenn das Mittel wirkt, das Ich des Menschen ist stärker.“

Musik und die anstehenden Feste

Die Musik für die Eurythmie übernimmt seit letztem Jahr Yuko Mack. Die Klavierlehrerin gibt auch privaten Unterricht für einzelne Schüler. Sie erzählt, es sei nützlich für die Privatstunden an einem so anspruchsvollen Instrument wie dem Klavier, das Kind sich bewegen zu lassen. Als Bild für diesen Vorgang verwendet sie den Satz: Mit dem Körper Musik machen. Auf diese Weise wird laut Yuko Mack der Unterricht am Instrument den Schülern besser gerecht, da diese oftmals „allgemein viel mit dem Kopf lernen müssen und von den Eltern Druck bekommen.“

Die nächste Schulfeier ist im Oktober 2018. Einen Monat zuvor feiert die Schulgemeinschaft Michaeli mit Aktivitäten im Freien. Es ist der Namenstag der Schule, denn der Erzengel Michael ist ihr Namenspatron. Im April 2019 dann veranstalten sie die Frühlingswerkstatt. 2019 im September begehen die Waldorfschulen weltweit ihr 100jähriges Bestehen. Auch die Waldorfschulen in Freiburg sind mit von der Partie. Michelle Herrmann plant, mit mehreren Klassen und der Eurythmie-Gruppe der Oberstufe eine Darbietung einzustudieren und aufzuführen. Auf dieses Projekt darf man mit Recht gespannt sein.

Veröffentlicht in dem Verbandsorgan „Auftakt“ im Herbst 2018

Mehr Pädagogik: Interkulturelle Schule

Musik

Talent und Erfahrung geben der Musik die Frische

Das Kammerorchester Deutsche Spohr Akademie spielte zum Auftakt des Marschner Festivals 2018 in Hinterzarten. Mit von der Partie Anna-Lisa Bellini am Klavier und Vivica Percy an der Violine.

 Das Klavierspiel von Anna-Lisa Bellini ist reich an Farben und großen Gefühlen, Dirigentin Ariane Mathäus vereint etablierte Namen mit jungen Karrieren und Geigerin Vivica Percy spielt mit Bravour Wolfgang Marschners anspruchsvolle Kadenzen. Ein Konzert in Hinterzartens Evangelischer Kirche mit Klassik-Höhepunkten und einem gelungenen Mix aus Begabung und Können.

Der Meister selbst ist gekommen, inzwischen 92 Jahre alt, Lehrer, Komponist und wie eh und je mit dem absoluten Gehör und sicherem Urteil: Professor Wolfgang Marschner, der Namensgeber des Festivals, das in seiner 42. Auflage noch bis Ende September mit drei Veranstaltungen Musikbegeisterte zum Genießen einlädt. Der Bogen an Musik spannt sich an diesem Abend von Marschner über Vivaldi, Mozart bis zu Chopin. Und im Orchester musizieren Jungkünstler neben etablierten Interpreten. Dirigiert wird das Kammerorchester Deutsche Spohr Akademie von Ariane Mathäus, sie leitet künstlerisch die Freiburger Pflüger-Stiftung und das diesjährige Festival in Hinterzarten.

Erstes Beispiel für eine begabte Nachwuchskünstlerin und ehemalige Pflüger-Schülerin ist Ann-Christine Klaas aus Rostock, die von Mathäus zu diesem Konzert eingeladen wurde. Die junge Geigerin studiert mittlerweile im zweiten Semester den Master. In Antonio Vivaldis Concerto Grosso für vier Violinen spielt sie mit Begeisterung neben der Konzertmeisterin des SWR Sinfonieorchesters, Vivica Percy. Im darauffolgenden C-Dur-Konzert von Vivaldi hat Percy den Nachwuchsflötisten Matteo Bonaccorso aus Italien an ihrer Seite. Bonaccorso und Klaas sind anschließend auch im Mozarts Quartett für Flöte und Streicher zu erleben, das besonders im Arioso mesto seinen musikalischen Reiz entfaltet.

Wichtig für eine Laufbahn in einem Kammer- oder in einem Sinfonieorchester ist es, frühzeitig in einer Formation zusammen mit anderen zu musizieren. Im Orchester geschieht viel mehr als im Einzelunterricht, man lernt, auf den anderen zu hören und ihm zu vertrauen. Das gilt auch für Halina Leutava. In Hinterzarten ist sie im romantischen Nocturne D-Dur von Fryderyk Chopin zu hören, das Wolfgang Marschner für zwei Violinen und Streicher eingerichtet hat. In diesem Stück interpretieren Leutava und Percy die großen Intervalle effektvoll und zart in feinen musikalischen Gesten. Für die Nachwuchskünstlerin ist es eine „sehr gute“ Erfahrung. Die 23jährige Leutava, die im Violinspiel vom sechsten Lebensjahr an in der Pflügerschule an der Violine unterrichtet wurde, studiert heute in Mainz. Ihr Ziel: Orchester, Kammermusik oder Pädagogik.

Zu den Trois Preludes für Violine scherzte Vivica Percy mit dem Komponisten Marschner nach Ende des Konzerts: „Haben Sie Ihre Stücke wiedererkannt?“ Marschner, meinungsfreudig und respektvoll zugleich, gratuliert seiner ehemaligen Schülerin, die von ihm unterrichtet wurde, als sie dreizehn Jahre alt war. Ihr perfekt ausgearbeiteter Vortrag wird zum Auslöser für ein Gespräch, in dem es um diese spezielle, ohne jeden Taktstrich komponierte Musik und ihren Kadenz-Charakter geht. Percy hat sie auf höchstem technischem Niveau interpretiert.

Pianistin Anna-Lisa Bellini aus Italien ist zum wiederholten Mal in Hinterzarten. Sie liebt an Chopin seine Nähe zu großen menschlichen Gefühlen. Sie vergleicht Chopin mit einem „Regenbogen, in dem alle Farben“ zur Erscheinung kommen. In Chopins vier Etüden, der Dis-Moll-Fantasie, der Nocturne und Chopins Andante spianato e Grande Polacca Brillante für Klavier und Orchester im Finale zeigt Bellini das ganze Können einer erfahrenen, jedem Publikum gewachsenen Künstlerin.

Für Professor Marschner ist das Heranführen von Talenten an die „Großen“ ein wesentlicher Teil der Musikkultur. Das Aufeinander-Hören fördert die Entwicklung des Einzelnen. Dieser im Kern pädagogische Ansatz liegt dem Festivalgründer besonders am Herzen. Auch seine Nachfolgerin, Ariane Mathäus, setzt diese Linie mit viel Charme und Idealismus fort. „Diese Kombination“, so die Festivalleiterin, „gibt der Musik die Frische.“

Konzert 2. September 2018

Nachwuchs und etablierte Künstler vereint (von links): Vivica Percy, Violine; Halina Leutava, Violine; Ariane Mathäus, Dirigentin; Anna-Lisa Bellini, Klavier; Matteo Bonaccorso, Flöte – alles drin beim 42. Marschner Festival.

Sprechchor

Wenn Worte lebendig werden

Zwei Schweizerinnen gastieren mit ihrem Sprechchor aus Studierenden im Hofgut Rössle auf den Nessellachen.

BREITNAU. Im Alltag hat die menschliche Sprechstimme unstreitig praktischen Nutzen. Ohne sie wäre der Austausch zwischen uns Menschen ungleich erschwert. Aber kann die hörbare Stimme beim Sprechen zur Kunst werden? Ja, wenn wir uns der Poesie befleißigen und beim Sprechen nicht einfach nur oberflächlich „performen“.

Für eine kleine Schar Zuhörer wurde solch ein poetischer Klangraum auf teils hohem Niveau hautnah bei Timeout im Hofgut Rössle erlebbar. Die stationäre Jugendhilfe in den Nessellachen hatte mit Agnes Zehnter und Monika Gasser zwei Dozentinnen für Sprachgestaltung aus der Schweiz mit ihrem Sprechchor zu Gast. Speziell für die Aufführung „Unter der Sonne Licht“ hatte man ein Programm zusammengestellt, das von sechs Frauen und zwei Männern vorgetragen wurde, insgesamt 26 Gedichte, abwechselnd solo, als Trio oder im ganzen Chor mit Texten von namhaften Dichtern wie Goethe, Schiller, Mörike und Hölderlin. Die eigentliche Entdeckung für eher Unbedarfte aber war zweifelsohne der Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer, 1828 bis 1898.

Außergewöhnlichen Hörgenuss bot außerdem der Schauspieler und Studierende Tornike Bluashvili. Der in der Tradition des russischen Theatermanns und Bühnenforschers Konstantin Stanislawski ausgebildete Georgier hat sich zur Vervollkommnung seiner Kunst der fünfjährigen Ausbildung zum Sprachgestalter unterzogen und rechnet damit, in Kürze seinen Abschluss machen zu können. Danach will er im georgischen Tiflis Lehrer und Schüler an der Waldorfschule unterrichten. In „Wie die Sterne entstanden“ des im Jahr 1998 gestorbenen Norwegers Dan Lindholm bestach Bluashvili durch sinntragende Verwandlung, kraftvollen Ausdruck und vielem, was Struktur und Inhalt eines Gedichts vollendet auszusprechen vermag. Der Schauspieler versteht es zudem, nicht über das Publikum hinweg zu sprechen, sondern in der Art, wie dieses zuhört, das Sprechen zu gestalten. Sein Credo: „Entstehen lassen, was hinter den Worten lebt.“

Sprechen mit Chor und Solo im Unterricht mit Jugendlichen gehört bei Timeout zum Standard. Hubert Schwizler, der für das Timeout-Kulturprogramm zuständig ist, betont: „Das bewusste Ergreifen von Sprache bringt für den Einzelnen zu Gehör, was sich nur im Wort ausspricht. Etwas, das es wert ist, gepflegt zu werden.“ Dabei kommen gerne Stücke aus dem großen Werk des Zürichers Conrad Ferdinand Meyer zum Einsatz. Seine fein geflochtenen Zeilen sind ideal zum Üben, weshalb Stücke von Meyer auch an diesem Tag einen Großteil des Programms bildeten. Statt hymnischen Überschwangs wie sonst gerne bei Romantikern bietet der Schweizer am Gedichtende prägnante Wendungen, die zur Selbstreflexion einladen. In „Der Möwenflug“ erfährt der Hörer von Möwen und ihren gespannten Schwüngen, die „schimmernd weiße Bahn beschreibend“ und „tief im Meer als hoch in Lüften oben“ sodann die Frage nach Trug und Wahrheit stellen: „Bist du echt beflügelt/oder nur gemalt und abgespiegelt?“ Die Frage ist von den Künstlern dieses Fachs durchaus ernst zu nehmen. Meyer bietet in seiner Poetologie jedoch auch die Antworten mit griffigen Themen, edel gewählten Symbolen und markanten optischen Situationen.

Leiterin Agnes Zehnter ist Studiengangsleiterin in therapeutischer Sprachgestaltung und Dozentin für Rhetorik. Für sie war es „eine Freude, mit einem Blumenstrauß an Texten in den Hochschwarzwald“ zu kommen. Bei „Kultur im Rössle“ glänzte sie in der Vergangenheit bereits in einer Lesung aus Briefen von Sophie Scholl und in einem Lyrischen Requiem zum Gedenken an die Reichspogromnacht von 1938. Zusammen mit Kollegin Gasser und ihrem Ensemble aus Studierenden hat sie dem kulturellen Alltag auf den Nessellachen dieses Mal kein nachdenkliches, sondern ein überaus sonniges Licht mitgebracht.

Badische Zeitung, Mi, 06. Juni 2018

Lyrik

Vom Leben, Leiden und Sterben

Dichterin Helle Trede und die Musiker Dieter Martin und Christoph Haarmann hatten eingeladen, das Thema war „Dialog zu Karfreitag“ .

HINTERZARTEN. Das interessierte Publikum folgte dem Weg der lebendigen Lyrik, als in der evangelischen Kirche Hinterzarten die Dichterin Helle Trede beim „Dialog zu Karfreitag“ zum poetischen Austausch einlud.

Helle Trede präsentierte zwei eigene Gedichte und fügte diesen die Wortschöpfungen zweier namhafter Künstler hinzu: Rose Ausländer und Traugott Schächtele, dessen neuer Passionszyklus in dieser Veranstaltung seine Premiere hatte. Dieter Martin spielte Orgel, Christoph Haarmann Querflöte und Horn. Es erklangen Kompositionen von Eric Satie, Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms. Auf einer japanischen Bambusflöte, der Shakuhachi, improvisierte Haarmann zudem im meditativen Stil des Zen. Beide überzeugten mit meisterhaftem Klang und gestalterischer Reife.

Die ausgewählten Musikstücke kleideten die gemeinsame Zeit in eine ruhige, getragene Atmosphäre. Der Musik im vorherrschenden Andante antwortete Helle Trede in ihrer Rezitation. Sie sprach mit Innigkeit und Engagement, spielte vorsichtig mit den Farben ihrer Stimme und stimmte fein die Pausen auf den Rhythmus der Worte ab. Ihr Sprechen öffnete den Zuhörern die Tür, in das gewaltige Geschehen des Karfreitags einzutreten.

Helle Trede wählte für den Anfang einige Werke von Rose Ausländer. Lyrik hat bei dieser jüdischen Dichterin die Aufgabe das Leben zu bejahen – auch dann, wenn die Dinge ausweglos erscheinen. Das Gedicht der „Der Graue“ beispielsweise eröffnet Sichtweisen auf den Tod, die ihn mit dem Leben eng verbinden. In „Verborgenes Licht“ wird dem „umdunkelten Herz“ ein lebendiges Licht eingepflanzt, das laut Rose Ausländer „manchen Worten“ innewohnt. Ihre Kunst kennt außerdem keine Längen, so präzise weiß sie zu beschreiben. Ganze 14 Worte braucht es, wenn sie in „Durch ein Sternenfeld“ vom Bild des Allergrößten bis ins Einfachste hinein zum Wesentlichen gelangt. In „Eine Stunde vergessen“ verleiht sie den Erfahrungen jüdischer Bürger in Zeiten des Holocausts wie schwebend Raum und Bedeutung, ohne dabei einen Vorwurf zu erheben.

Helle Trede schließt sich in ihren eigenen Arbeiten dieser Haltung an, folgt der Geste hin zur Freiheit, richtet ihre Kunst dabei aber auf das Osterereignis hin. Im Gedicht „Passion 1“ nimmt sie Bezug auf das Gebet Jesu im Garten Gethsemane vor seiner Gefangennahme. Jesu nimmt drei seiner Jünger mit sich und bittet sie, wach zu bleiben, während er zu seinem Vater betet. Doch seine Begleiter fallen in einen tiefen Schlaf. Dieses Verhalten beleuchtend, spricht die Autorin von „Schlafgefangenen“. Jesus, so hat es den Anschein, überfordert die Seinen. Aber der Schlaf wirkt auch wie ein Therapeut. Für Helle Trede hilft der Schlaf zumindest, aufzuwachen.

Traugott Schächtele folgt in seinem Passionszyklus der Tradition katholischer Künstler, das Leiden und Sterben Jesu in den wesentlichen Stationen nachzuzeichnen. Dabei nutzt er seine siebenteilige Arbeit, dem wichtigen Ereignis einen poetischen Reiz zu verleihen. An die Stelle von Möglichkeiten wie bei Rose Ausländer tritt bei Traugott Schächtele das religiöse Gedicht, das in starken Gegensätzen durch das extreme Geschehen führt.

Die frei schwebende Poesie von Rose Ausländer, die in ihren Bildern den Leser nicht einzuengen versucht, begegnete in diesem Dialog dem christlichen Gedicht von Helle Trede und Traugott Schächtele. Letzteres bleibt naturgemäß dem Leiden und Sterben Jesu verbunden, gibt aber auch dem menschlichen Verhalten und dessen religiösen Perspektiven Zeit und Raum.

Für die Badische Zeitung (März/April 2018)

Pädagogik

Eurythmieunterricht und die Arbeit am inneren Wachstum der Schule

Was die Eurythmie an der Freien Interkulturellen Waldorfschule (FIW) leistet, die in Mannheim, bundesweit und darüber hinaus für den interkulturellen Ansatz der Waldorfpädagogik steht.

  • Was die Schüler mit Deutsch als Vertiefungssprache für ihre Entwicklung, den Hauptunterricht und den Spracherwerb in der FIW an Förderung erhalten.
  • Wie der Eurythmieunterricht in der FIW bei den multikulturellen Schülern seine eigene Kultur zu setzen vermag.
  • Die FIW als eine lernende Gemeinschaft. Wie Rudolf Steiner als pädagogischer Impulsgeber wahrgenommen wird.

MANNHEIM. Ihr Zuhause hat die Freie Interkulturellen Waldorfschule (FIW) über dem Dragon & Phoenix Asien Supermarkt im ersten bis dritten Stock eines Gewerbebaus mit durchgehender Glasfront vorn und hinten. Rückwärtig schaut man auf eine Fabrik, die das englische Wort für Planierraupe in ihrem Namen trägt. Nach vorne geht der Blick auf den Neuen Messplatz, auf dem im Frühjahr und Herbst die Mannheimer ihre Volksfeste feiern. Jetzt kurz vor dem dritten Advent verliert sich auf der riesigen Asphaltfläche ein Forstbetrieb aus dem Odenwald, der Weihnachtsbäume mit dicken Nadeln verkauft. Die Schule, deren näheres Einzugsgebiet die Neckarstadt West mit den balkonlosen Wohnblocks, die Neckarstadt Ost und den nördlich gelegenen Mannheimer Stadtteil Waldhof umfasst, hat circa 280 Schüler mit Wurzeln in 40 Nationen. Davon ein Drittel etwa gehört dem Kulturkreis des Islam an, einige wenige Familien sind dem jüdischen und andere dem christlichen Kulturkreis verbunden. Unterrichtssprache ist Deutsch. Etwa 140 Schüler haben deutsche Eltern, die anderen Eltern sind mit ihren Kindern nach Deutschland eingewandert, entweder die Mutter, der Vater oder beide. Für sie ist Deutsch die Zweitsprache. Außerdem wird Englisch und Französisch unterrichtet. Das Besondere dieser Schule: sie macht, dass alles dies sein darf.

Multikulturell sich selbst entdecken

Für den Dezember sind im Veranstaltungsprogramm der Schule die Adventsspirale, eine Weihnachts- und Chanukkafeier eingetragen. Die Schule folgt dem Friedensimpuls, der unter anderem besagt, Religion sei kein Grund für Streit. Frieden halten und Schule machen, das ist nicht möglich ohne Offenheit für die Andersartigkeit des anderen. Nur so kann sein, was sich alle wünschen. Beispielsweise Lehrer, die ihre internationalen Schüler mit Freude unterrichten. Und eine bunte Schar von Kindern und Teenagern, die eifrig lernen und sich selbst entdecken.

Für ihre 12 Schulklassen beschäftigt die Schule 36 Lehrkräfte, ein Teil davon Deutschmuttersprachler, alle haben eine Ausbildung als Waldorflehrer.  Die Schülerschaft entstammt allen Bevölkerungsschichten, darunter bemerkenswerterweise auch Akademiker-Nachwuchs. Kulturvielfalt als Zukunftsmodell. Und ein Geschäftsmodell  für Waldorfschulen in anderen Teilen der Republik? Jedenfalls bildet diese Schule an bunter Kultur ab, was Deutschland zu einem modernen, erfolgreichen Land macht und in Zukunft noch mehr als heute machen wird. Hoffentlich.  In die FIW aufgenommen wird man als Erstklässler oder als Quereinsteiger. In den allermeisten Fällen ist Waldorfpädagogik dabei neu für die Neuen. Konkret heißt das kein Sitzenbleiben, Ganztagsschule und Abschlüsse bis zur FH-Reife. Außerdem ist für jeden Eurythmie Teil des Lehrplans.

Im Eurythmieunterricht von Cornelia Sachse erlebt man die Siebte mit vier Mädchen, die Deutsch als Muttersprache haben, und fünf andere Schüler, für die Deutsch Zweitsprache ist, darunter zwei  Schüler aus dem arabischen Kulturkreis und ein blonder Junge mit ebenfalls einer anderen Muttersprache. Feststellbar ist in der Gruppe eine bescheidene, geheime Begeisterung für die Eurythmie und Respekt für das Vorbild ihrer Lehrerin Cornelia Sachse. Sie ist Deutsche mit brasilianisch-portugiesischen Wurzeln und unterrichtet seit acht Jahren an der FIW. Auf zwölf Schuljahre bringt es Eurythmistin Barbara Stelzner, deren Elfte die Eurythmie bereits Flügel wachsen lässt. Unser Eindruck: In der Siebten und Elften steht die Eurythmie auf guten Füßen.

Sprachvertiefung, Epoche und Eurythmie

Die achtjährige Senna (Name geändert) aus der Zweiten kam vor etwa 18 Monaten mit ihren Eltern aus einem arabischen Land nach Mannheim. Inzwischen klingt ihr Deutsch bereits unverwechselbar. Sie geht in Deutsch als Vertiefungssprache (DAV) bei Lehrerin Höfer. Jedes der acht Kinder, die von Frau Höfer an diesem Morgen unterrichtet werden, hat zusätzlich seine Muttersprache. Es ist in dieser Gruppe vornehmlich Arabisch, Griechisch, Russisch, Kroatisch und Spanisch. Unter diesen Umständen ist keine Referenzsprache möglich, auf welcher der Sprachunterricht aufbauen könnte. Die Vermittlung des Deutschen erfolgt daher ausschließlich über Nachahmung von Aussprache, Klang und Rhythmus, das Kennenlernen von Geschichten und Figuren, das Erinnern und Hochhohlen von schon Bekanntem und dem erstmaligen Begegnen von neuen Wörtern. Frau Höfer begleitet ihren Sprachunterricht mit deutlichen, altersgerechten Gebärden. Die Themen sind abgestimmt auf die jeweilige Epoche im Hauptunterricht, etwa Jahreszeitliches. In jeder Lernrunde übernimmt ein anderes Kind die Rolle eines kleinen Lehrers. Die anderen lösen einer nach dem anderen die gestellte Aufgabe. Spielerisch schleifen sich dabei die richtigen Sprachformen ein. Ab der dritten Klasse wird auch schon mal erklärt und analysiert. Frau Höfer: „Erst wenn wir es können, gehen wir mit dem Kopf dran.“ Aus dieser Vorgehensweise wächst bei Senna und den anderen  Sprachvertrauen ins Deutsche und es ergibt sich ein ganzheitliches Sprachkönnen, das sowohl für die Eurythmie wie für alle anderen Fächer von entscheidender Bedeutung ist. Im Hauptunterricht können die Schüler in Deutsch lesen, schreiben und rechnen lernen, In der Eurythmie arbeiten sie mit ihrer Lehrerin Reime und Sprüche, Laute und Buchstaben, damit das deutsche Sprachgefühl bis in die Hände und Füße hinein Sicherheit bekommt. Die Eurythmie unterstützt so ihrerseits die Sprachförderung und den Hauptunterricht. Durch freudiges Wiederholen findet das Rhythmusempfinden im Kind einen Boden. Getragen von einfühlsamen Bildern taucht es nach und nach ein in eine geführte Gebärdensprache. Die Fächer ergänzen einander in idealer Weise.

Bei Rückstand Rücksicht

Am Ende gelingt dem Schüler eine differenzierte Gebärde für einen Laut oder eine Musik, zugleich fasst es Vertrauen in die Sprache und mit ihr in die eigene Empfindung und Bewegung. Die Eurythmie gibt auf diese Weise dem Förderunterricht und dem Epochenunterricht zurück, was sie von diesen empfangen hat.

Das Fach Eurythmie kann in der FIW außerdem als eine Art von Entwicklungsstation gesehen werden. Bei den meisten Kindern ist etwas nachzuholen, was ihnen bis dahin das Leben vorenthalten hat. Dann akzeptieren es Cornelia Sachse und Barbara Stelzner beispielsweise, wenn 10jährige noch Mühe haben, sich in die Form des Kreises einzuordnen. Ein feines Abtasten der Lehrerin hilft bei der Unterscheidung: ist es ein Melancholiker, der immer einen Schritt zurück bleibt, oder handelt es sich um eine kulturelle Prägung. Oder: die Ehrfurchtsgeste wird nicht nur standardmäßig in der Dritten, sondern öfter auch mal in der Siebten oder der Achten drangenommen, um den Schülerinnen und Schülern in der Gruppe das Zu-sich-Kommen zu ermöglichen. Aber was ist eigentlich so besonders daran, im Unterricht auf diese Dinge einzugehen?  Die Abweichungen vom Normalen bringen den Eurythmie-Lehrplan zwar manchmal durcheinander, erleichtern es  den Schülern aber, ihren Platz in der Gemeinschaft einzunehmen. Ob der aufgeholte Rückstand einmal kultureller oder individueller Natur war, ist so – rückblickend betrachtet – völlig unerheblich.

Inzwischen kennen die Eurythmistinnen gewisse Stellen, an denen besondere Rücksicht zu nehmen ist. So werden beispielsweise in einzelnen Kulturen Krabbelkinder zu viel getragen. Auch noch im Kindergartenalter müssen sich die Sprösslinge von den Erwachsenen tragen und hinsetzen lassen. Das setzt sie in ihrer Entwicklung beim selbständigen Aufstehen und aufrechten Gehen gegenüber anderen zurück. Oder es wird den Kindern kulturbedingt verboten, dem anderen Geschlecht oder auch anderen Schülern gleichen Geschlechts aus anderen Kulturkreisen unvoreingenommen zu begegnen. Solche und andere Schranken erweisen sich für den Eurythmieunterricht als zum Teil unbequem, erfordern sie doch den Respekt gegenüber mitgebrachten Traditionen. Doch Toleranz, Akzeptanz und Geduld zahlen sich aus. Die Erlaubnis oder gar die Aufforderung des Lehrers an die Schüler, etwa beim Schreiten verschiedene Abstände zum Vorder- oder Hintermann einzunehmen, entspannt die Lage sofort. Das einvernehmliche Arbeiten in solch multiplen Situationen mag Außenstehenden merkwürdig erscheinen, es dient am Ende aber dem Ganzen. Insofern ist Eurythmie von der Unterstufe bis in die Oberstufe an der Freien Interkulturellen Waldorfschule auch Projektarbeit, in der soziale Standards aus unserem Kulturbereich den Schülern vermittelt und weitergegeben werden.

Kultur ist Teil der Individualität

Wir haben gesehen, der individuelle Ansatz der Waldorfpädagogik lässt sich auf der Ebene des einzelnen Kindes umsetzen. Das wird bekanntlich seit 100 Jahren in Steiner-Schulen praktiziert. Neu durch die FIW ist in unseren Augen, die Eurythmie auf den ethnischen Hintergrund eines Kindes anzuwenden, das in Deutschland gerade seine neue Heimat findet. Sei es, dass das Kind bei seinem Start ins Leben in einem anderen Kulturkreis besondere soziale Umstände durchlaufen hat, sei es, dass beispielsweise die Mutter Russin ist und der Vater Türke. Das Individuum wird dabei um seine kulturelle Prägung erweitert. Deshalb nehmen Cornelia Sachse und Barbara Stelzner im Eurythmieunterricht auf diese Dinge Rücksicht. Und was passiert umgekehrt? Da bringen die beiden Lehrerinnen mit ihrer Kunst den speziellen Hintergrund ihrer Arbeit in die Erziehung ein. Barbara erzählt aus ihrer Anfangszeit vor etwa zwölf Jahren, als sie den Versuch unternahm, im Unterricht mit türkischen Vorlagen zu arbeiten. Da dies zurückgewiesen wurde, brach sie das gutgemeinte Experiment ab. Sie sah ein, „ätherisch kann ich glaubhaft nur vermitteln, was aus meinem eigenen Kulturkreis stammt.“ Von da an baute sie wieder auf den bewährten Kanon der eurythmischen Literatur. Und es funktionierte. Was den Zusammenhang von Ätherischem und Kultur betrifft, passt ganz gut, was Neurobiologe Gerhald Hüther herausgefunden hat: „Wir müssten … versuchen, einander als Subjekte zu begegnen. Dazu gehört … die Bereitschaft, uns selbst als eine autonome Person zu zeigen – in all unserer Verletzbarkeit, mit unseren tiefsten Bedürfnissen, und mit all unsren Erfahrungen, die unsere Einzigartigkeit ausmachen.“

Rudolf Steiner macht den Unterschied

Seit Bestehen der Schule gibt es den FIW-Projektunterricht. Ab der zweiten und bis zur fünften Klasse werden die Schüler in diesem Fach an soziales Lernen und die Sprache herangeführt. Wie etwa legt man ein Kräutergärtchen an? Woraus macht man Sauerkraut? Was ist der Jahreslauf? Was geschieht eigentlich im Theater? Zweimal wöchentlich arbeitet man so gemeinsam praktisch.  Seit Oktober 2017 auch mithilfe einer Lehrküche. Es geht um Sinnespflege durch Riechen, Schmecken und praktisches Tun mit den Händen. Eventuelle Lücken können dabei nachgearbeitet und vorhandene Fähigkeiten auf dem jeweiligen Sinnesgebiet gefestigt werden. Das Kind braucht all dies für den Unterricht in der Schule, aber auch im Leben allgemein. Insofern ist die Eurythmie ein Projektunterricht, geht es doch auch bei ihr vornehmlich um Wahrnehmung, Gleichgewicht, anschauliche Geometrie, außerdem um Rhythmus, Konzentration und Koordination.

Ein Unterschied ist, dass sich diese Fähigkeiten bei der Eurythmie mit dem Namen von Rudolf Steiner verbinden und auf eine feinere Stufe gehoben werden. Steiner ging es bei der Eurythmie eben nicht allein um die Soft Skills im Umgang mit sich und anderen, sondern auch um die Kohärenz mit dem Kosmos. Im Kosmos leben innere Tugenden und Ideale wie Bescheidenheit, Schönheit und Ehrlichkeit als höhere Ordnung und strahlen von dort auf das Individuum gesundend zurück. Das gilt gerade auch für Heranwachsende. In der Eurythmie hat man dadurch eine aufrichtige Kunst vor sich, in der sich niemand verstecken kann. Die keimende Schülerseele, die für diesen Zusammenhang empfänglich ist, wird so nach und nach zum sonnenhungrigen Blatt mit dem brennenden Wunsch, innerlich zu wachsen und sich zu bewahren. Ton- und Lauteurythmie sind somit auch abendländisch-europäischer Kulturunterricht in Sachen Individualität, will heißen, der Mensch, sei er groß oder klein, begegnet bei diesen Übungen nach und nach sich selbst im Umkreis. Mathematik funktioniert ganz ähnlich, nur hat sie keine Hände und Füße.

Rhythmus in der Pädagogik

Doch was unter dem Label Rudolf Steiner pädagogisch geschieht, trifft heutzutage immer noch auf Vorbehalte. Auch an Waldorfschulen. Ausgenommen davon sind lediglich praktische Lösungen, von denen  fleißig Gebrauch gemacht wird, ohne freilich den Namen Rudolf Steiner zu erwähnen. Steiner regte beispielsweise 1919 an, das zu Lernende in den Atmungsvorgang  rhythmisch einzubetten. Den Rhythmus als pädagogisches Grundprinzip zu erkennen und dies im Unterricht zu nutzen, ist heute wieder modern. Etwa beim so wirkungsvollen DAV-Unterricht von Frau Höfer, in dem sich das Kind Deutsch als zweite Muttersprache erwirbt. Das geschieht in der Mannheimer FIW mit etwa einem Drittel der Schülerschaft.

So bleibt auch an der Ecke Maybach- und Pettenkoferstraße in Mannheim noch Raum, sich in pädagogischer Hinsicht mithilfe von Rudolf Steiners Anregungen weiter zu entwickeln. Für diese Fortsetzung der seelisch-geistigen Aufbauarbeit, aber auch für die dringend erforderliche Entlastung  im Stundenplan scheint das Lehrerkollegium der Schule entschieden zu haben, eine personelle Verstärkung für Barbara Stelzner und Cornelia Sachse anzustreben. Das Anliegen ist, jemanden zu finden, der „die elementare Eurythmie, die zum Kern der Sache kommt, in den Vordergrund stellt“ (Stelzner), mithin ein tatkräftiger Mensch für „eine Eurythmie, die in die Tiefe geht und sich auf das Wesentliche konzentriert“ (Sachse). Gelänge das, so wäre einmal mehr der innere Weiterbau der Schule gesichert.

Volker D. Rothfuß (Text und Bild)

erschienen in „Auftakt“ – Verbandsorgan Berufsverband der Eurythmisten – Ausgabe 1/18