Rost

Vom Hegen und Pflegen

 In der Salzstraße eröffnete im Kunstforum mit einer lehrreichen Vernissage die Ausstellung „Oxydation“. Darin zeigt Ingrid Sperrle, wie man Metallplatten mit Wasser zum „Ausblühen“ bringt.

Vor kunstinteressierten Gästen eröffnete Rainer Mertens vom Kunstforum in der Salzstraße am Freitag eine neue Ausstellung mit Bildern der in Leipzig ansässigen Künstlerin Ingrid Sperrle. Die gelernte Emaileurin und studierte Bildende Künstlerin, die in den neunziger Jahren und bis 2009 in Freiburg lebte und arbeitete, präsentierte unter dem Titel „Oxydation“ eine Auswahl ihrer Werke. Um die Faszination dieser Bilder zu verstehen, ist es wichtig, etwas über die Arbeitsweise der in Schwäbisch Gmünd geborenen Künstlerin zu erfahren. Zuvor jedoch kann der Betrachter sich getrost dem sinnlichen Erlebnis ihrer Farbwelten hingeben, die von einem besonderen Stoff erfüllt sind: Rost. Das aus der Begegnung von Eisen und Sauerstoff in der Gegenwart von Wasser entstehende Korrosionsprodukt Rost erzeugt changierend orangene bis braunrötlich und umbradunkle Töne. Das Spröde, oft aber auch samtig Weiche des Materials gibt dem Ganzen nicht selten den Charakter eines Reliefs. Das jeweilige Bild wird beherrscht von schlierenförmigen Zufallsspuren aus Rost, die teils an Steinflechten oder abgeplatzten Lack erinnern. In dieses Chaos werden rechteckige Formen mit hineingenommen. Der daraus resultierende Gegensatz aus Ordnung und Zufall bildet einen morbiden Charme, dem sich der Betrachter nur schwer entziehen kann.

Anfang der 90er Jahre begann Ingrid Sperrle Bilder dieser besonderen Art zu schaffen. Um den Oxydationsprozess überhaupt in Gang zu setzen, legte sie auf das blanke Metall feuchte Textilien. Mit einer Gießkanne goss sie Wasser auf die damals teils drei Mal vier Meter großen Stoffbahnen, welche die Metallplatten bedeckten. Bei dieser Vorgehensweise beginnt der Rost relativ schnell auszublühen. Dies bringt den Freiburger Pädago-gikprofessor und Psychiater Eberhard Brügel dazu, Sperrle mit  einer „Gärtnerin“ zu vergleichen.

Kunst, die sich auf mythologischem Gebiet bewegt

In einer Laudatio schrieb der langjährig an der Pädagogischen Hochschule Freiburg Lehrende: „…Wie eine Gärtnerin achtet Ingrid Sperrle darauf, wann das Metall wieder Wasser benötigt – in der Regel nach zwei oder drei Tagen – und wiederholt das Wässern, bis sie anhand der Spuren auf der Rückseite der Textilien den angestrebten Rostzustand erreicht hat.“ Rost dringt während des Prozesses der Oxydation in die Textilien ein, welche den Vorgang festhalten und sichtbar machen. „Das Ganze hat den Duktus von Hegen und Pflegen“, sagt Eberhard Brügel während der Vernissage.

Spätestens seit blankgeputzte Stahloberflächen zeitlose Modernität signalisieren, hat sich der menschliche Blick auf Rost gewandelt. Vergessen sind hierzulande die von Arbeitern verlassenen Fabrikanlagen, die in rostiger Tristesse ein untergegangenes Industriezeitalter markierten. Heute beherrscht glänzendes oder mattes Stahl Innenräume und den öffentlichen Raum, etwa in Form nie rostender Geländer. Gegenstände des täglichen Ge-brauchs aus Stahl, wie etwa Flaschenöffner, tun ein Übriges. Der ausufernde Gebrauch von Stahl schuf dem von Rost verwitterten Metall eine neue Bedeutung. Dr. Sabine Heilig beschrieb in ihrer Laudatio diese Entwicklung vom wenig geachteten Verwitterungsprodukt zum vielfach künstlerisch genutzten und dekorativen Material. Korrosion als ein ästhetisch sichtbarer und erfahrbarer Naturprozess –  mit Ingrid Sperrle erfährt es nun schon viele Jahre eine Renaissance auf dem Gebiet der Bildenden Kunst. Man darf freilich annehmen, dass schon vor Urzeiten Menschen erzhaltige, mit Wasser und Luft veränderte Erde beobachtet, untersucht und vielseitig verwendet haben, et-wa als Färbemittel. Insofern steht das, was Ingrid Sperrle macht, in einer langen Tradition, wenngleich es dem Auge heute neu erscheint.

Die dem hoch reaktiven Sauerstoff so sehr verbundene Künstlerin ist sich bewusst, dass ihre Kunst mit Zerfall assoziiert wird. So klingt es schon im „Nichts bleibt wie es ist“ von Platon, so tönt es auch aus Heraklits Fragmenten oder es tritt im „Werden und Vergehen“ von Aristoteles philosophisch auf den Plan der europäischen Kultur. Auch passen Sperrles Metamorphosen aus Eisen, Wasser und Sauerstoff ganz gut zur Pflanzenlehre Goethes und zum Bild vom Kreislauf von Leben und Tod in vielen Legenden. Sperrle bewegt sich bei ihrer Arbeit im Grunde ständig auf mythologischem Gebiet. Vielleicht erklärt dies ihre methodische Strenge in vielen Bildern. Sie lässt schwülstig barocke Formen zu, scheut sich aber, Gegenständliches und Seelisches darzustellen. Eher zurückhaltend präsentiert sie ihre Motive, die mit „Rot vor Zorn“ und „Grün vor Ärger“ sowie mit „Die fünf Typen“ betitelt sind. Immerhin zeigt sie die Werke, welche das Chaotisch-Zufällige hinter sich lassend konkret werden wollen.

Die kleine, feine Ausstellung mit Bildern in vorwiegend leuchtenden Herbstfarben dringt mit künstlerischen Mitteln ein in das Leben der Erde und seine natürlichen Prozesse. Wie weit diese Vorgänge reichen, mag zum Schluss beispielhaft an dem Bild verdeutlicht sein, dass die Künstlerin an diesem Abend selbst abgibt. Sie trägt zur dunklen Hose eine frühlingsgrüne Bluse mit zarten Rostmustern auf Kragen und Ärmeln. Sie erschließt damit ihrer Ästhetik ein weiteres Gebiet: die Mode. Vielleicht gibt es demnächst ja eine Kollektion mit Entwürfen von Sperrle. Die Künstlerin plant, zum Abschluss der Schau am 7. Oktober noch einmal in der Salzstraße anwesend zu sein.

BZ Di, 18. September 2018