Weihnachten

Einfühlsames Spiel zu Jesu Geburt

Über die Probenarbeit, die Aufführung und die Herkunft eines volkstümlichen Schauspiels: das Oberuferer Christgeburtsspiel.

BREITNAU. Christgeburtsspiel im Pfarrhof: Seit 2002 folgen die Zuschauer zur Weihnachtszeit dieser Einladung der Jugendhilfe Timeout, so auch in diesem Jahr. In den Proben konnte man noch die Überwindung der Spieler wahrnehmen, vor Publikum ehrlich und ausdrucksvoll aufzutreten. Dies gelang dann in einer schönen Darbietung.

Der Aufwand, der für diese tolle Bühnenarbeit nötig war, lässt sich anhand der letzten Proben beschreiben. Versammelt im alten Pfarrhof waren Lehrer, Erzieher, Schüler und Praktikanten. Schülerin Laura, 15, spielt den Engel Gabriel. Der Regisseur und Sozialpädagoge Daniel Sommer hält sie an, langsam und kraftvoll zu sprechen und dabei nach vorne zu schauen. Was der Engel Maria und Josef zu sagen hat, soll Trost spenden. Lehrer Hubert Schwizler, der in der Rolle des Sternsingers auftritt, sagt es noch deutlicher: „Der Engel spricht nicht nur zum Trost von Josef und Maria, sondern für all diejenigen, die es im Leben schwer haben. Etwa, weil sie einen kranken Menschen zu Hause haben.“ Schülerin Laura weiß: Die Handlung des Christgeburtsspiels ist keine gewöhnliche. In der kalten Winterwelt wird ein Stall zum Haus Gottes.

In den Proben haben Lucas, 13, Saulene, 17, zusammen mit Laura und den anderen Gelegenheit, sich auf der Bühne zu erleben. Saulene ist in Litauen geboren, ihr macht die altertümliche Sprache anfänglich etwas Probleme, „andererseits hilft sie mir, auf Feinheiten zu achten.“ Lukas aus der 7. Klasse freut sich über die Fortschritte. Der Wirt, den er verkörpert, fasst seine Worte selbstbewusst und deutlich, um seine ablehnende Haltung glaubhaft zu machen. Er weist Josef und Maria die Tür. Die beiden sollen ihr Glück woanders suchen.

Timeout ist eine Einrichtung der Jugendhilfe in Breitnau, die jungen Menschen das Tor zu Bildung und Beruf öffnet. Hier werden an vier Standorten Jugendliche pädagogisch und sozial betreut. Lehrer, Jugend- und Heimerzieher sowie Sozialpädagogen nehmen sich der Heranwachsenden an. Hubert Schwizler, seit 25 Jahren im Lehrerberuf, sagt: „Das Christgeburtsspiel ist erzieherisch besonders wertvoll. Man lernt, sich und den anderen im Tun wahrzunehmen. Man nimmt eine von der Rolle geforderte Haltung ein. Außerdem verlangt das Stück von den Jugendlichen, deutlich zu sprechen, zu singen und zu spielen.“

Lukas, der Wirt Rufinus, ist am Tag vor der Aufführung mächtig aufgeregt. Doch nicht die Vorstellung, vor die vielen Zuschauer zu treten, heizt sein Lampenfieber an, sondern der Gedanke an einen für ihn ganz besonderen Gast: „Meine Oma schaut sich die Aufführung an.“

In der Aufführung tritt der Sternsinger auf die Bühne und begrüßt neben dem Publikum auch Gott, seinen Sohn, den Heiligen Geist, Ochs und Eselein. Sogar Sonne, Mond und die Sterne am Himmel werden einbezogen. Voller Schwung, aufmunternd und mit Spielfreude übernimmt Hubert Schwizler diese Rolle. Schülerin Laura hat die Unsicherheit abgelegt und sich in einen strahlenden Engel verwandelt. Dieser bringt den Stern von Bethlehem auf die Erde. Dann übergibt der Engel Maria die Botschaft, dass sie schwanger sein wird. Die Schülerin Saulene verkörpert die Maria auf bescheidene und überzeugende Weise. Auf dem Weg nach Bethlehem erinnert sich Josef, gespielt von Daniel Sommer, an einen Freund, der ein Wirtshaus betreibt. Dieser wird von Schüler Lukas mutig und flott gespielt. Abwechslung erlebt die heilige Familie bei diesem und beim nächsten Wirt. Mit strengen Worten gestaltet diese Figur Gerd Ploeg. Erst beim Wirt Titus, dargestellt von Michaela Geier, findet die heilige Familie einen Platz im Stall.

Maria und Josef singen innig zusammen, bevor die Geburt geschieht. Die drei Hirten werden gespielt von Jakob Götte, Antonia Ramsdorf und Jannis Reinhard. Ihre Rollen fein differenzierend unterbrechen sie die Geschichte mit humorigen Gesten und Dialogen. Der Engel erscheint ihnen im Traum und weist ihnen singend den Weg nach Bethlehem. Beim Jesuskind angekommen, übergeben die Hirten ihre Geschenke. Wolle und Mehl, Milch und ein Lämmlein sind zwar bescheidene Gaben, aber doch kostbar für die heilige Familie. Ehrfürchtige Stille erfüllt den Raum, als sich alles kniend dem Kind zuwendet. Werner Holz am Klavier und Clara Baur an der Oboe begleiten die Chorlieder musikalisch. Das Publikum, darunter viele Schüler, applaudiert der Darbietung anerkennend und lang.

Christgeburtsspiel:

Seinen Ausgang nahm das Christgeburtsspiel im 16. Jahrhundert in dem vormals westungarischen Dorf Oberufer an der Donau. Damals wurde das Stück als Teil der Volkskultur gepflegt. Seine Wiedergeburt in unserer Zeit erlebte es vor rund 100 Jahren in den neugegründeten Waldorfschulen. Dort wird das Stück seitdem alljährlich von den Lehrern mit dem Motiv aufgeführt, den Schülern ein „Weihnachtgeschenk“ zu machen.

24. Dez. 2016, Badische Zeitung