Pädagogik

Eurythmieunterricht und die Arbeit am inneren Wachstum der Schule

Was die Eurythmie an der Freien Interkulturellen Waldorfschule (FIW) leistet, die in Mannheim, bundesweit und darüber hinaus für den interkulturellen Ansatz der Waldorfpädagogik steht.

  • Was die Schüler mit Deutsch als Vertiefungssprache für ihre Entwicklung, den Hauptunterricht und den Spracherwerb in der FIW an Förderung erhalten.
  • Wie der Eurythmieunterricht in der FIW bei den multikulturellen Schülern seine eigene Kultur zu setzen vermag.
  • Die FIW als eine lernende Gemeinschaft. Wie Rudolf Steiner als pädagogischer Impulsgeber wahrgenommen wird.

MANNHEIM. Ihr Zuhause hat die Freie Interkulturellen Waldorfschule (FIW) über dem Dragon & Phoenix Asien Supermarkt im ersten bis dritten Stock eines Gewerbebaus mit durchgehender Glasfront vorn und hinten. Rückwärtig schaut man auf eine Fabrik, die das englische Wort für Planierraupe in ihrem Namen trägt. Nach vorne geht der Blick auf den Neuen Messplatz, auf dem im Frühjahr und Herbst die Mannheimer ihre Volksfeste feiern. Jetzt kurz vor dem dritten Advent verliert sich auf der riesigen Asphaltfläche ein Forstbetrieb aus dem Odenwald, der Weihnachtsbäume mit dicken Nadeln verkauft. Die Schule, deren näheres Einzugsgebiet die Neckarstadt West mit den balkonlosen Wohnblocks, die Neckarstadt Ost und den nördlich gelegenen Mannheimer Stadtteil Waldhof umfasst, hat circa 280 Schüler mit Wurzeln in 40 Nationen. Davon ein Drittel etwa gehört dem Kulturkreis des Islam an, einige wenige Familien sind dem jüdischen und andere dem christlichen Kulturkreis verbunden. Unterrichtssprache ist Deutsch. Etwa 140 Schüler haben deutsche Eltern, die anderen Eltern sind mit ihren Kindern nach Deutschland eingewandert, entweder die Mutter, der Vater oder beide. Für sie ist Deutsch die Zweitsprache. Außerdem wird Englisch und Französisch unterrichtet. Das Besondere dieser Schule: sie macht, dass alles dies sein darf.

Multikulturell sich selbst entdecken

Für den Dezember sind im Veranstaltungsprogramm der Schule die Adventsspirale, eine Weihnachts- und Chanukkafeier eingetragen. Die Schule folgt dem Friedensimpuls, der unter anderem besagt, Religion sei kein Grund für Streit. Frieden halten und Schule machen, das ist nicht möglich ohne Offenheit für die Andersartigkeit des anderen. Nur so kann sein, was sich alle wünschen. Beispielsweise Lehrer, die ihre internationalen Schüler mit Freude unterrichten. Und eine bunte Schar von Kindern und Teenagern, die eifrig lernen und sich selbst entdecken.

Für ihre 12 Schulklassen beschäftigt die Schule 36 Lehrkräfte, ein Teil davon Deutschmuttersprachler, alle haben eine Ausbildung als Waldorflehrer.  Die Schülerschaft entstammt allen Bevölkerungsschichten, darunter bemerkenswerterweise auch Akademiker-Nachwuchs. Kulturvielfalt als Zukunftsmodell. Und ein Geschäftsmodell  für Waldorfschulen in anderen Teilen der Republik? Jedenfalls bildet diese Schule an bunter Kultur ab, was Deutschland zu einem modernen, erfolgreichen Land macht und in Zukunft noch mehr als heute machen wird. Hoffentlich.  In die FIW aufgenommen wird man als Erstklässler oder als Quereinsteiger. In den allermeisten Fällen ist Waldorfpädagogik dabei neu für die Neuen. Konkret heißt das kein Sitzenbleiben, Ganztagsschule und Abschlüsse bis zur FH-Reife. Außerdem ist für jeden Eurythmie Teil des Lehrplans.

Im Eurythmieunterricht von Cornelia Sachse erlebt man die Siebte mit vier Mädchen, die Deutsch als Muttersprache haben, und fünf andere Schüler, für die Deutsch Zweitsprache ist, darunter zwei  Schüler aus dem arabischen Kulturkreis und ein blonder Junge mit ebenfalls einer anderen Muttersprache. Feststellbar ist in der Gruppe eine bescheidene, geheime Begeisterung für die Eurythmie und Respekt für das Vorbild ihrer Lehrerin Cornelia Sachse. Sie ist Deutsche mit brasilianisch-portugiesischen Wurzeln und unterrichtet seit acht Jahren an der FIW. Auf zwölf Schuljahre bringt es Eurythmistin Barbara Stelzner, deren Elfte die Eurythmie bereits Flügel wachsen lässt. Unser Eindruck: In der Siebten und Elften steht die Eurythmie auf guten Füßen.

Sprachvertiefung, Epoche und Eurythmie

Die achtjährige Senna (Name geändert) aus der Zweiten kam vor etwa 18 Monaten mit ihren Eltern aus einem arabischen Land nach Mannheim. Inzwischen klingt ihr Deutsch bereits unverwechselbar. Sie geht in Deutsch als Vertiefungssprache (DAV) bei Lehrerin Höfer. Jedes der acht Kinder, die von Frau Höfer an diesem Morgen unterrichtet werden, hat zusätzlich seine Muttersprache. Es ist in dieser Gruppe vornehmlich Arabisch, Griechisch, Russisch, Kroatisch und Spanisch. Unter diesen Umständen ist keine Referenzsprache möglich, auf welcher der Sprachunterricht aufbauen könnte. Die Vermittlung des Deutschen erfolgt daher ausschließlich über Nachahmung von Aussprache, Klang und Rhythmus, das Kennenlernen von Geschichten und Figuren, das Erinnern und Hochhohlen von schon Bekanntem und dem erstmaligen Begegnen von neuen Wörtern. Frau Höfer begleitet ihren Sprachunterricht mit deutlichen, altersgerechten Gebärden. Die Themen sind abgestimmt auf die jeweilige Epoche im Hauptunterricht, etwa Jahreszeitliches. In jeder Lernrunde übernimmt ein anderes Kind die Rolle eines kleinen Lehrers. Die anderen lösen einer nach dem anderen die gestellte Aufgabe. Spielerisch schleifen sich dabei die richtigen Sprachformen ein. Ab der dritten Klasse wird auch schon mal erklärt und analysiert. Frau Höfer: „Erst wenn wir es können, gehen wir mit dem Kopf dran.“ Aus dieser Vorgehensweise wächst bei Senna und den anderen  Sprachvertrauen ins Deutsche und es ergibt sich ein ganzheitliches Sprachkönnen, das sowohl für die Eurythmie wie für alle anderen Fächer von entscheidender Bedeutung ist. Im Hauptunterricht können die Schüler in Deutsch lesen, schreiben und rechnen lernen, In der Eurythmie arbeiten sie mit ihrer Lehrerin Reime und Sprüche, Laute und Buchstaben, damit das deutsche Sprachgefühl bis in die Hände und Füße hinein Sicherheit bekommt. Die Eurythmie unterstützt so ihrerseits die Sprachförderung und den Hauptunterricht. Durch freudiges Wiederholen findet das Rhythmusempfinden im Kind einen Boden. Getragen von einfühlsamen Bildern taucht es nach und nach ein in eine geführte Gebärdensprache. Die Fächer ergänzen einander in idealer Weise.

Bei Rückstand Rücksicht

Am Ende gelingt dem Schüler eine differenzierte Gebärde für einen Laut oder eine Musik, zugleich fasst es Vertrauen in die Sprache und mit ihr in die eigene Empfindung und Bewegung. Die Eurythmie gibt auf diese Weise dem Förderunterricht und dem Epochenunterricht zurück, was sie von diesen empfangen hat.

Das Fach Eurythmie kann in der FIW außerdem als eine Art von Entwicklungsstation gesehen werden. Bei den meisten Kindern ist etwas nachzuholen, was ihnen bis dahin das Leben vorenthalten hat. Dann akzeptieren es Cornelia Sachse und Barbara Stelzner beispielsweise, wenn 10jährige noch Mühe haben, sich in die Form des Kreises einzuordnen. Ein feines Abtasten der Lehrerin hilft bei der Unterscheidung: ist es ein Melancholiker, der immer einen Schritt zurück bleibt, oder handelt es sich um eine kulturelle Prägung. Oder: die Ehrfurchtsgeste wird nicht nur standardmäßig in der Dritten, sondern öfter auch mal in der Siebten oder der Achten drangenommen, um den Schülerinnen und Schülern in der Gruppe das Zu-sich-Kommen zu ermöglichen. Aber was ist eigentlich so besonders daran, im Unterricht auf diese Dinge einzugehen?  Die Abweichungen vom Normalen bringen den Eurythmie-Lehrplan zwar manchmal durcheinander, erleichtern es  den Schülern aber, ihren Platz in der Gemeinschaft einzunehmen. Ob der aufgeholte Rückstand einmal kultureller oder individueller Natur war, ist so – rückblickend betrachtet – völlig unerheblich.

Inzwischen kennen die Eurythmistinnen gewisse Stellen, an denen besondere Rücksicht zu nehmen ist. So werden beispielsweise in einzelnen Kulturen Krabbelkinder zu viel getragen. Auch noch im Kindergartenalter müssen sich die Sprösslinge von den Erwachsenen tragen und hinsetzen lassen. Das setzt sie in ihrer Entwicklung beim selbständigen Aufstehen und aufrechten Gehen gegenüber anderen zurück. Oder es wird den Kindern kulturbedingt verboten, dem anderen Geschlecht oder auch anderen Schülern gleichen Geschlechts aus anderen Kulturkreisen unvoreingenommen zu begegnen. Solche und andere Schranken erweisen sich für den Eurythmieunterricht als zum Teil unbequem, erfordern sie doch den Respekt gegenüber mitgebrachten Traditionen. Doch Toleranz, Akzeptanz und Geduld zahlen sich aus. Die Erlaubnis oder gar die Aufforderung des Lehrers an die Schüler, etwa beim Schreiten verschiedene Abstände zum Vorder- oder Hintermann einzunehmen, entspannt die Lage sofort. Das einvernehmliche Arbeiten in solch multiplen Situationen mag Außenstehenden merkwürdig erscheinen, es dient am Ende aber dem Ganzen. Insofern ist Eurythmie von der Unterstufe bis in die Oberstufe an der Freien Interkulturellen Waldorfschule auch Projektarbeit, in der soziale Standards aus unserem Kulturbereich den Schülern vermittelt und weitergegeben werden.

Kultur ist Teil der Individualität

Wir haben gesehen, der individuelle Ansatz der Waldorfpädagogik lässt sich auf der Ebene des einzelnen Kindes umsetzen. Das wird bekanntlich seit 100 Jahren in Steiner-Schulen praktiziert. Neu durch die FIW ist in unseren Augen, die Eurythmie auf den ethnischen Hintergrund eines Kindes anzuwenden, das in Deutschland gerade seine neue Heimat findet. Sei es, dass das Kind bei seinem Start ins Leben in einem anderen Kulturkreis besondere soziale Umstände durchlaufen hat, sei es, dass beispielsweise die Mutter Russin ist und der Vater Türke. Das Individuum wird dabei um seine kulturelle Prägung erweitert. Deshalb nehmen Cornelia Sachse und Barbara Stelzner im Eurythmieunterricht auf diese Dinge Rücksicht. Und was passiert umgekehrt? Da bringen die beiden Lehrerinnen mit ihrer Kunst den speziellen Hintergrund ihrer Arbeit in die Erziehung ein. Barbara erzählt aus ihrer Anfangszeit vor etwa zwölf Jahren, als sie den Versuch unternahm, im Unterricht mit türkischen Vorlagen zu arbeiten. Da dies zurückgewiesen wurde, brach sie das gutgemeinte Experiment ab. Sie sah ein, „ätherisch kann ich glaubhaft nur vermitteln, was aus meinem eigenen Kulturkreis stammt.“ Von da an baute sie wieder auf den bewährten Kanon der eurythmischen Literatur. Und es funktionierte. Was den Zusammenhang von Ätherischem und Kultur betrifft, passt ganz gut, was Neurobiologe Gerhald Hüther herausgefunden hat: „Wir müssten … versuchen, einander als Subjekte zu begegnen. Dazu gehört … die Bereitschaft, uns selbst als eine autonome Person zu zeigen – in all unserer Verletzbarkeit, mit unseren tiefsten Bedürfnissen, und mit all unsren Erfahrungen, die unsere Einzigartigkeit ausmachen.“

Rudolf Steiner macht den Unterschied

Seit Bestehen der Schule gibt es den FIW-Projektunterricht. Ab der zweiten und bis zur fünften Klasse werden die Schüler in diesem Fach an soziales Lernen und die Sprache herangeführt. Wie etwa legt man ein Kräutergärtchen an? Woraus macht man Sauerkraut? Was ist der Jahreslauf? Was geschieht eigentlich im Theater? Zweimal wöchentlich arbeitet man so gemeinsam praktisch.  Seit Oktober 2017 auch mithilfe einer Lehrküche. Es geht um Sinnespflege durch Riechen, Schmecken und praktisches Tun mit den Händen. Eventuelle Lücken können dabei nachgearbeitet und vorhandene Fähigkeiten auf dem jeweiligen Sinnesgebiet gefestigt werden. Das Kind braucht all dies für den Unterricht in der Schule, aber auch im Leben allgemein. Insofern ist die Eurythmie ein Projektunterricht, geht es doch auch bei ihr vornehmlich um Wahrnehmung, Gleichgewicht, anschauliche Geometrie, außerdem um Rhythmus, Konzentration und Koordination.

Ein Unterschied ist, dass sich diese Fähigkeiten bei der Eurythmie mit dem Namen von Rudolf Steiner verbinden und auf eine feinere Stufe gehoben werden. Steiner ging es bei der Eurythmie eben nicht allein um die Soft Skills im Umgang mit sich und anderen, sondern auch um die Kohärenz mit dem Kosmos. Im Kosmos leben innere Tugenden und Ideale wie Bescheidenheit, Schönheit und Ehrlichkeit als höhere Ordnung und strahlen von dort auf das Individuum gesundend zurück. Das gilt gerade auch für Heranwachsende. In der Eurythmie hat man dadurch eine aufrichtige Kunst vor sich, in der sich niemand verstecken kann. Die keimende Schülerseele, die für diesen Zusammenhang empfänglich ist, wird so nach und nach zum sonnenhungrigen Blatt mit dem brennenden Wunsch, innerlich zu wachsen und sich zu bewahren. Ton- und Lauteurythmie sind somit auch abendländisch-europäischer Kulturunterricht in Sachen Individualität, will heißen, der Mensch, sei er groß oder klein, begegnet bei diesen Übungen nach und nach sich selbst im Umkreis. Mathematik funktioniert ganz ähnlich, nur hat sie keine Hände und Füße.

Rhythmus in der Pädagogik

Doch was unter dem Label Rudolf Steiner pädagogisch geschieht, trifft heutzutage immer noch auf Vorbehalte. Auch an Waldorfschulen. Ausgenommen davon sind lediglich praktische Lösungen, von denen  fleißig Gebrauch gemacht wird, ohne freilich den Namen Rudolf Steiner zu erwähnen. Steiner regte beispielsweise 1919 an, das zu Lernende in den Atmungsvorgang  rhythmisch einzubetten. Den Rhythmus als pädagogisches Grundprinzip zu erkennen und dies im Unterricht zu nutzen, ist heute wieder modern. Etwa beim so wirkungsvollen DAV-Unterricht von Frau Höfer, in dem sich das Kind Deutsch als zweite Muttersprache erwirbt. Das geschieht in der Mannheimer FIW mit etwa einem Drittel der Schülerschaft.

So bleibt auch an der Ecke Maybach- und Pettenkoferstraße in Mannheim noch Raum, sich in pädagogischer Hinsicht mithilfe von Rudolf Steiners Anregungen weiter zu entwickeln. Für diese Fortsetzung der seelisch-geistigen Aufbauarbeit, aber auch für die dringend erforderliche Entlastung  im Stundenplan scheint das Lehrerkollegium der Schule entschieden zu haben, eine personelle Verstärkung für Barbara Stelzner und Cornelia Sachse anzustreben. Das Anliegen ist, jemanden zu finden, der „die elementare Eurythmie, die zum Kern der Sache kommt, in den Vordergrund stellt“ (Stelzner), mithin ein tatkräftiger Mensch für „eine Eurythmie, die in die Tiefe geht und sich auf das Wesentliche konzentriert“ (Sachse). Gelänge das, so wäre einmal mehr der innere Weiterbau der Schule gesichert.

Volker D. Rothfuß (Text und Bild)

erschienen in „Auftakt“ – Verbandsorgan Berufsverband der Eurythmisten – Ausgabe 1/18