Lyrik

Vom Leben, Leiden und Sterben

Dichterin Helle Trede und die Musiker Dieter Martin und Christoph Haarmann hatten eingeladen, das Thema war „Dialog zu Karfreitag“ .

HINTERZARTEN. Das interessierte Publikum folgte dem Weg der lebendigen Lyrik, als in der evangelischen Kirche Hinterzarten die Dichterin Helle Trede beim „Dialog zu Karfreitag“ zum poetischen Austausch einlud.

Helle Trede präsentierte zwei eigene Gedichte und fügte diesen die Wortschöpfungen zweier namhafter Künstler hinzu: Rose Ausländer und Traugott Schächtele, dessen neuer Passionszyklus in dieser Veranstaltung seine Premiere hatte. Dieter Martin spielte Orgel, Christoph Haarmann Querflöte und Horn. Es erklangen Kompositionen von Eric Satie, Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms. Auf einer japanischen Bambusflöte, der Shakuhachi, improvisierte Haarmann zudem im meditativen Stil des Zen. Beide überzeugten mit meisterhaftem Klang und gestalterischer Reife.

Die ausgewählten Musikstücke kleideten die gemeinsame Zeit in eine ruhige, getragene Atmosphäre. Der Musik im vorherrschenden Andante antwortete Helle Trede in ihrer Rezitation. Sie sprach mit Innigkeit und Engagement, spielte vorsichtig mit den Farben ihrer Stimme und stimmte fein die Pausen auf den Rhythmus der Worte ab. Ihr Sprechen öffnete den Zuhörern die Tür, in das gewaltige Geschehen des Karfreitags einzutreten.

Helle Trede wählte für den Anfang einige Werke von Rose Ausländer. Lyrik hat bei dieser jüdischen Dichterin die Aufgabe das Leben zu bejahen – auch dann, wenn die Dinge ausweglos erscheinen. Das Gedicht der „Der Graue“ beispielsweise eröffnet Sichtweisen auf den Tod, die ihn mit dem Leben eng verbinden. In „Verborgenes Licht“ wird dem „umdunkelten Herz“ ein lebendiges Licht eingepflanzt, das laut Rose Ausländer „manchen Worten“ innewohnt. Ihre Kunst kennt außerdem keine Längen, so präzise weiß sie zu beschreiben. Ganze 14 Worte braucht es, wenn sie in „Durch ein Sternenfeld“ vom Bild des Allergrößten bis ins Einfachste hinein zum Wesentlichen gelangt. In „Eine Stunde vergessen“ verleiht sie den Erfahrungen jüdischer Bürger in Zeiten des Holocausts wie schwebend Raum und Bedeutung, ohne dabei einen Vorwurf zu erheben.

Helle Trede schließt sich in ihren eigenen Arbeiten dieser Haltung an, folgt der Geste hin zur Freiheit, richtet ihre Kunst dabei aber auf das Osterereignis hin. Im Gedicht „Passion 1“ nimmt sie Bezug auf das Gebet Jesu im Garten Gethsemane vor seiner Gefangennahme. Jesu nimmt drei seiner Jünger mit sich und bittet sie, wach zu bleiben, während er zu seinem Vater betet. Doch seine Begleiter fallen in einen tiefen Schlaf. Dieses Verhalten beleuchtend, spricht die Autorin von „Schlafgefangenen“. Jesus, so hat es den Anschein, überfordert die Seinen. Aber der Schlaf wirkt auch wie ein Therapeut. Für Helle Trede hilft der Schlaf zumindest, aufzuwachen.

Traugott Schächtele folgt in seinem Passionszyklus der Tradition katholischer Künstler, das Leiden und Sterben Jesu in den wesentlichen Stationen nachzuzeichnen. Dabei nutzt er seine siebenteilige Arbeit, dem wichtigen Ereignis einen poetischen Reiz zu verleihen. An die Stelle von Möglichkeiten wie bei Rose Ausländer tritt bei Traugott Schächtele das religiöse Gedicht, das in starken Gegensätzen durch das extreme Geschehen führt.

Die frei schwebende Poesie von Rose Ausländer, die in ihren Bildern den Leser nicht einzuengen versucht, begegnete in diesem Dialog dem christlichen Gedicht von Helle Trede und Traugott Schächtele. Letzteres bleibt naturgemäß dem Leiden und Sterben Jesu verbunden, gibt aber auch dem menschlichen Verhalten und dessen religiösen Perspektiven Zeit und Raum.

Für die Badische Zeitung (März/April 2018)