Kunst

Die Seele als unbekannter Ort

Mascha Klein beim Kunstforum Hochschwarzwald mit ihrer Ausstellung „Fixierte Figuren“.

TITISEE-NEUSTADT. Eine Reihe teils großformatiger Bilder von Mascha Klein zeigen Menschen mit Oberkörpern, die nicht ausgefüllt werden, stattdessen deuten feine Linien die Mitte der Gestalt an. Der so begrenzte weiße Leib markiert die Seele als unbekannten Ort – unfixiert, leer, unbefestigt. „Fixierte Figuren“ heißt die Ausstellung von Mascha Klein beim Kunstforum Hochschwarzwald in Neustadt.

Die Freiburger Künstlerin ist Keramikerin und studierte Kunst am Kolleg der Freien Hochschule für Kunst, Medien und Design in Freiburg. Die Leere in den schlicht gerahmten Oberkörpern erfasst sowohl die „Kämpferinnen“ als auch die mit „Tänzer“ überschriebenen Bilder. Es sind wohl ältere Männer in Ballerina-Kleidchen. Letztere verwandeln sich zu knöchellangen, aufgeplusterten Röcken. Was die Kämpferinnen betrifft, so stecken sie in gefühlt zwei Nummern zu großen Hosen, die in kräftigen Farben ausgeführt sind. Die mit Pfeil und Bogen dargestellten Amazonen, die Altherrenriege mit Frisuren im Stil des Punks und die etwa 30 Zentimeter großen Keramiken, die geschlechtsunabhängig mit Paarbeziehungen spielen, enthalten dem Betrachter mehr oder weniger die unteren Gliedmaßen vor. Mit zu großen Hosen, weitgeschnittenen Röcken und Kleidern wird es den Unterleibern schwer gemacht, sich geschlechtlich einzuordnen.

Stattdessen machen die künstlerisch gezeichneten Köpfe die Emotionalität nach außen sichtbar. Das Gesicht wird jeweils in Strichen angedeutet, wobei einzelne Striche sich durch Dopplungen verstärken und teils triebhafte Züge annehmen. Die grotesk gestylten Haare tun ein Übriges, denn sie werden wiederholt wirr gezeichnet oder strahlenförmig wie Antennen in die Umgebung hinausgefächert. Zusammengenommen erscheinen die so vorgeführten Gestalten wie in einem eingefrorenen Zustand.

Sie wirken ihrem Geschlecht entfremdet, seltsam kalt, teils sind sie unbeteiligt, teils außer sich, als würden sie ihre Befehle von außen empfangen. Ein geführtes Innenleben ist nicht zu erkennen, etwa in der Art, dass diese Figuren ihre Seelenstimmungen bewusst ausloten würden oder sich selbst wahrnehmen.

Eine Ausnahme bildet das mit „Sprung“ bezeichnete Bild. Es zeigt eine kleine weibliche Figur, die den Absprung macht von einem Gegenstand, der ein Stein sein könnte. Auf der anderen Leinwand ist eine junge Frau abgebildet, die dabei ist, eine Axt hoch über ihrem Kopf nach unten zu führen (Titel: „Schlag“). Es sind sich bewegende Menschen, mit tätigen Beinen, mit einer seelischen Mitte und einem denkenden Kopf.

Allen Bildern ist gemeinsam, dass sie auf die Darstellung von Natur verzichten. Man fragt sich, was geschehen würde, wenn die gezeigten Figuren ins Grüne eintauchten. Der gezeigte farbmonotone Hintergrund aber verweigert der Komposition die heilsame Wirkung der Natur. Die von Stresshormonen gezeichneten Gesichter würden sich dann womöglich entspannen. Klein lässt durch ihre Bilder keinen Zweifel aufkommen: Der moderne Mensch verkümmert, wenn er sich nicht seiner selbst besinnt und den Kontakt zur Umgebung verliert.

Durch ihre Bilder ist Mascha Klein mit Hieronymus Bosch kunstgeschichtlich verbunden, etwa mit seinem berühmten „Garten der Lüste“. Ebenso erwähnt Paula Seeger in ihrer Einführung Berührungspunkte zu Pieter Bruegel den Älteren, der die Malerei der Niederländischen Renaissance mit markanten Bauerngesichtern bereicherte. Einen Vergleich zog die Kulturwissenschaftlerin außerdem zu „Das Narrenschiff“ von Sebastian Brant von 1494. Seeger beschreibt die Sujets und die Arbeitsweise der Künstlerin und bilanziert deren Auftritt in Neustadt so: „Mascha Klein legt es darauf an, auszubrechen aus festgefahrenen Normen. Sie stellt in ihren Zeichnungen gesellschaftliche und moralische Konventionen in Frage, und fordert dazu auf, die eigene Komfortzone der Rollenzuschreibungen und Geschlechtermerkmale zu verlassen.“

Mai 2019 in der Badischen Zeitung