Journalist, Publizist und Kulturarbeit

Selbstenwicklungskräfte

Anknüpfen an die Kindheitskräfte

Allgemein kann alles, was ein Mensch an Veränderungen und Fortschritten durchmacht, was er an Krisen und Durchbrüchen erlebt, auf die frühen Jahre seines Lebens zurückgeführt werden. Der Mensch lebt für jeden deutlich erkennbar nicht isoliert in der Gegenwart für sich, sondern steht in lebenslanger Verbindung mit sich selbst in der Vergangenheit, soweit sie gesichert erinnert werden kann oder aber im Unterbewussten aus sich heraus wirkt. Aus dieser Seelenverbindung geht eine Selbstverjüngung hervor, die bewusst herbeigeführt werden kann durch initiatives Erinnern an die Kindheit. Dazu gehen wir für einen Moment aus dem Alltagsdenken heraus, halten inne und wechseln zu einem entsprechenden Ereignis, das uns aus der Kindheit erinnerlich ist. Dabei nehmen wir die Vorstellung von diesem Ereignis mit, um sie innerlich zu beleben. Nach einer gewissen Zeit, in der wir das Bild bewegt haben, kehren wir ins Gegenwartsbewusstsein zurück. Dieser Vorgang begleitet uns mit seinem Nachklang bei der nächsten Entscheidung, die wir treffen.
Die Verjüngung kann aber auch durch unterbewusste Hinwendung an die Kindheit befeuert werden. Auch bei diesem Vorgang halten wir inne, fassen aber keine konkrete Erinnerung an die Kindheit. Statt ein bestimmtes Ereignis in die Vorstellung zu nehmen, weiten wir die Erinnerung aus auf die gesamte Kindheit oder auf die Zeit unserer Jugend. Welche Grenze wir dabei zwischen der Kindheit und der Jugend ziehen, ist uns selbst überlassen. Erfahrungsgemäß ist das vierzehnte Lebensjahr maßgebend. Die frühe Kindheit endet im siebten Lebensjahr und geht in die zweite Kindheit über, die bis zum vierzehnten Lebensjahr dauert.
Bewusst oder unterbewusst, beides birgt Lebensimpulse, die dem Älterwerden entgegenwirken. Der körperliche Prozess des Altwerdens verlangsamt sich und die Lebendigkeit der Seele steigert sich. Sie ist es, die im Unterbewussten mitverfolgt, was auf der Empfindungs- und Bewusstseinsebene geschieht. Es geht dabei um Beweglichkeit, Aufrütteln des seelischen Lebens und um eigenständiges Denken oder Vorstellen, sodass man die Möglichkeit hat, aus seinem eigenen Inneren neue Gedanken oder Vorstellungen zu entwickeln.
Die innere, intime Selbstverjüngung ist gegenüber Störungen von außen geschützt. Das schützende Element ist die Selbstidentifikation. Dabei handelt es sich um die Überlegung, dass wir uns mit uns selbst identifizieren. Diese Selbstidentifikation geht einher mit dem Gefühl, sich seiner selbst sicher zu sein. Dabei fühlen wir die eigene Seele, die wir im Augenblick wahrnehmen. Unsere Seele hat ihre Heimat in der Gegenwärtigkeit unseres Bewusstseins, in den Ahnungen und Vorstellungen und in unserem Willen. Sie lebt aber auch in dem Gefühl für die frühe sowie spätere Kindheit und in dem Gefühl für die Jugendzeit und das junge Erwachsensein. Die Seele hat mit diesen Lebenselementen ihren Weg auf die Erde genommen. Nicht vergessen sollten wir die Menschen, die uns durch diese Jahre begleitet haben (Familienmitglieder, Lehrer, etc.). Aus dem Zusammenklang dieser Elemente resultiert der Bewahrung des Eigenen.
Der Schutz gegen Übergriffe von außen lässt freilich nach, wenn ein negativer Effekt auf das Feld der Kindheit und Jugend abstrahlt. Damit ist zunächst nicht die eigene Kindheit gemeint, sondern der unsensible Umgang mit uns nicht persönlich bekannten Kindern und Jugendlichen durch Medien, Politiker und andere. Wo immer Kinder und Jugendliche Gewalt erfahren und anderes Leid erfahren, beschädigt dies die Herzen der Menschen, die eigene Kinder haben. Dagegen gilt es anzukämpfen, denn die Kinder anderer Eltern sind im Herzen immer auch ein stückweit unsere Kinder. Alle Kinder der Erde sind ein fester Bestandteil von uns selbst, leiden sie, blutet das Herz der Menschheit.
Selbstverjüngung bewirkt ein Zuwachs an Altersweisheit. Dabei vereint sie sich mit wiedererstarkten Kräften des Jungseins. Beides zusammen bereichert das Gemeinschaftsleben. Je mehr wir zu dem geworden sind, was wir sein wollten, desto mehr werden wir zu einem nützlichen Mitglied der Gemeinschaft. Selbstverjüngung auf der gemeinschaftlichen Ebene ist möglich, solange sie dem Menschen die Freiheit gibt, sich zu entwickeln.
Bedingt durch die weiter wachsende Lebenserwartung der Menschen wird es zu einer höheren Erwartungen an das Leben kommen. Der einzelne Mensch wird das Notwendige tun, um gesund zu bleiben, was bewirkt, dass er langsamer altert. Er wird sich sportlich betätigen, aber sich nicht verausgaben. Er folgt im Idealfall den Regeln der Fitness und beachtet die Möglichkeit einer gesunden Ernährung. Das Gesundheitssystem wird sich auf die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit einstellen. Das System soll die Gesundheit der Älteren präventiv erhalten, um sie erfolgreich im Arbeitsmarkt zu halten.
Ein erwartungsvolles Leben öffnet den Blick für ein neues Gemeinschaftserleben insgesamt. Das, was man früher einmal den Generationenvertrag genannt hat, wird eine neue Bedeutung und ein neues Gewicht erhalten. Sein neuer Inhalt wird unterscheiden zwischen Menschen, die Kinder bekommen, diese Kinder im Sinne der Allgemeinheit erziehen und aktiv daran mitwirken, dass das Kind das Bildungssystem erfolgreich durchläuft, um eine Grundlage dafür zu liefern, dass im späteren Verlauf eine Entwicklung möglich wird.

Jeder Mensch, der sich selbst eine Entwicklung geben will, kann die Verbindung zu seinem Jungsein herstellen. Die Befähigungskraft der Kinderzeit stellt uns ein nahezu unbegrenztes Lernpotential zur Verfügung. Eine wichtige Rolle nimmt dabei die Erinnerung ein. Der Erinnerung kommt die Aufgabe zu, sich ihrer aktiv zu bedienen, um sich die Kindheit ins Gedächtnis zu rufen. Das gibt uns die Gelegenheit, sie richtig zu verstehen. Je älter wir werden, desto eher entwickeln wir ein Verständnis für die kindheitliche Vergangenheit. Dies hat damit zu tun, dass wir im Alter dem Kindsein in gewisser Hinsicht ähnlich werden. Während der Kinderjahre sind wir mit unserer Entwicklung beschäftigt. Man drängt darauf, ins Jugendalter zu gelangen und danach erwachsen zu werden. Im Älterwerden überkommt uns ein Verlangen, weiser zu werden. Wirklich wissend zu sein aus sich selbst heraus, das ist in erster Linie dem menschlichen Alter vorbehalten.
Die Selbstverjüngung im praktischen Leben umzusetzen, ist im Prinzip jedem möglich. Wichtigste Voraussetzung ist es, sich seiner Kindheit erinnern zu können. Man ist dabei nicht auf gemeinschaftliche Strukturen angewiesen, sondern jeder kann aus sich heraus handeln. Andererseits bleibt jeder unabhängig, der sich innerhalb einer Gemeinschaft um Selbstverjüngung bemüht. Je mehr Menschen den Weg in die Erinnerung gehen, desto eher kann sie zu einem Thema für viele werden. Dann wird eine Community entstehen, die Jungsein-Menschen zusammenführt. Als Kennzeichen dieser Community wird eine innere Freiheit hervortreten, die es jedem erlaubt, seine eigene Entwicklung voranzutreiben.